XCYC Pickup Lastenräder

Ich weiß nicht wie ich zu der Ehre kam, aber letzte Woche flatterte unerwartet eine Einladung der GWW GmbH (Gemeinnützige Werkstätten und Wohnstätten GmbH) ins Haus. Ob ich nicht Lust hätte, mir ihr Werk in Calw anzuschauen, wo die E-Lastenräder der Marke XCYC hergestellt werden. Ich bin ja nun alles andere als ein Influencer, aber vielleicht hatte man mich über Google gefunden, da ich in jüngster Zeit häufig über Lastenräder geschrieben und in dem Zusammenhang auch ihre Marke XCYC in einem meiner Blogbeiträge erwähnt hatte. Die GWW war im Mai mit einem Vorführmodell auf der Karlsruher Cargo-Bike Roadshow. Da ich aber nicht auf der Suche nach einem Schwerlastenrad wie dem XCYC Pickup  war (Bilder: GWW GmbH Calw), habe ich es nur am Rande registriert, mich aber dafür nicht wirklich interessiert.

Bevor ich auf die E-Lastenräder der Marke XCYC genauer eingehe, möchte ich noch ein paar Sätze zum Hersteller selbst sagen. Als Neigschmeckte hatte bis vor ein paar Tagen keine Ahnung, dass es die GWW überhaupt gibt. Ich wusste nicht, dass die GWW eine gemeinnützige Gesellschaft ist und in über 20 Einrichtungen etwa 1.300 Menschen mit Behinderung betreut. Firmen wie Agilent, Bosch-Rexroth, Breuninger, Brose, Daimler AG, Hewlett Packard, Philips, Zeiss-Medical u.v.m lassen in den Werken der GWW die unterschiedlichsten Bauteile fertigen. Das Leistungsangebot reicht von der Scheibenfertigung bis hin zur sequenzierten Lieferung aus dem modernen Kanban-System direkt ans Band des Auftraggebers.
Sortieren, Etikettieren und Umverpackungen gehören ebenfalls zum festen Bestandteil der GWW Dienstleistungen. Dazu kommen Montagearbeiten, die an Einzelarbeitsplätzen, in der Gruppe oder am Band erledigt werden. Man orientiert sich dabei an den Wünschen der Kunden sowie den Möglichkeiten der beschäftigten Menschen.
Die GWW sind übrigens Markführer in  Sachen Festzelt- u. Bierzeltgarnituren. Wenn ihr also das nächste Mal auf der Cannstatter Wasen oder dem Münchner Oktoberfest in einem Bierzelt hockt, dann könnt ihr ziemlich sicher sein, dass es von Mitarbeitern der GWW gefertigt wurde.

Kommen wir zum neuen Produkt im Portfolio der GWW GmbH – dem XCYC Pickup. Auf der Cargo-Bike Roadshow in Karlsruhe dachte ich, dass es sich bei der Marke XCYC um eine asiatische Marke handeln würde. Damit lag ich voll daneben, denn das dreirädrige E-Lastenrad, das 2017 auf den Markt gebracht wurde, ist vom Design bis hin zur Endmontage made in Germany. Der S-förmige Rahmen wird von einer kleinen Firma in Karlsruhe gefertigt und geschweißt. Die Lackierung und Zwischenlagerung erfolgt im Ländle. Im GWW Werk in Calw werden die E-Lastenräder dann just in time durch Menschen mit Behinderung montiert.

XCYC Pickup – das Lastenfahrrad der GWW from Campus Mensch on Vimeo.

Für sein gelungenes Äußere ist das XCYC Pickup Performance mit dem begehrten German Design Award 2018 ausgezeichnet worden. Begründung der Jury:

Das Lasten-E-Bike liegt dank seiner drei Räder und der dicken Bereifung stabil und sicher auf der Straße und lässt sich extrem gut steuern. Zudem wirkt es optisch extrem schick und ziemlich cool. Wer damit fährt, fällt auf.

Ja, mit dem XCYC Pickup Performance fällt man bestimmt auf. Die breiten 10″ Reifen hinten, der kurze S-förmig geschwungene Rahmen und die Doppelbrückenfedergabel vorne sind schon für sich genommen wahre Hingucker. Lasten kann man mit diesem Modell allerdings nur transportieren, wenn man hinten einen Weber Anhänger befestigt (Anhängerkupplung-Adaption gehört zur Serienausstattung). Auf der kleinen Abdeckplatte hinten am Rad (0,59 x 0,46 m) würde ich jedenfalls nichts transportieren. Aber für Marketing-Zwecke oder auf Messen macht das Pickup Performance mit dem kurzen Radstand bestimmt was her. Auf Anfrage gibt es jedes Rad in der Wunschfarbe und mit Firmenlogo.

Neben dem Pickup Performance fertigt die GWW aber noch zwei weitere Modelle – das Pickup Allround und das Pickup Work, die sich aber im Grunde nur bei den optional verfügbaren Komponenten unterscheiden. Diese beiden Modelle haben verglichen mit dem Pickup Performance einen verlängerten Radstand und eine größere Ladefläche (0,76 x 0,69 m), auf die die unterschiedlichsten Aufbauten – z.B. Transportkoffer mit oder ohne Firmenlogo (links) oder zweistufige Bordwände (rechts) montiert werden können. Die GWW bietet aber auch noch weitere Aufbaumöglichkeiten an (z.B. Hundebox oder eine kleine (660 x 716 x 270 mm) und hohe (660 x 716 x 460 mm) Reling).

Bild: GWW GmbH

Kommen wir zu den inneren Werten, den technischen Details:

  • E-Antrieb: Bosch Performance CX (75 Nm)
  • Akku: 500 Watt
  • Display: Bosch Intuvia
  • Bremsen: Hydraulische Shimano Scheibenbremsen
  • Schaltung: Shimano Deore (9-Gang)
  • Lenker/Vorbau: ergotec (höhenverstellbar)
  • Zoom-Doppelbrückenfedergabel
  • Schmale 12″ Hinterreifen
  • Feststellbremse (Eigenprodukt, TÜV-geprüft)
  • Anhängerkupplung-Adaption für Weberkupplungen
  • Belastbar bis 250 kg

Gegen Aufpreis erhältlich:

  • Absenkbare Sattelstütze von ergotec
  • Premium Doppelbrückenfedergabel
  • StVZO Ausstattung

Einsatzmöglichkeiten (gewerblich)

  • Liefer- und Kurierdienste
  • Handwerksbetriebe
  • Industrie (z.B. Einsatzfahrzeug des Facility Managers auf dem Werksgelände)
  • Kommunen
  • Autofreie Inseln
  • Marketing und Promotion

Einsatzmöglichkeiten (privat):

  • Menschen mit Handicap
  • Menschen mit extremen Übergewicht
  • Hundebesitzer

Versand:

  • die Pickup Modelle werden fertig montiert in großen Transportkisten (siehe mittleres Bild ganz oben) per Spedition versandt

Fazit:

Ich denke, dass das XCYC Pickup durchaus Potential hat. Es ist robust, extrem belastbar, ungewohnt wendig und verfügt mit seinen drei Rädern über eine hohe Fahrstabilität. Für mein Befinden könnte die Ladefläche allerdings noch größer sein, zumindest wenn der Käufer in den Genuss der staatliche Förderung für gewerblich genutzte Schwerlastenräder (30 % des Kaufpreises bzw. max. 2500 €) kommen soll. Derzeit müssen nämlich folgende unsägliche Voraussetzungen erfüllt werden:

  • Nutzlast (zulässiges Gesamtgewicht minus Eigengewicht des Rades): min. 150 kg
  • Transportvolumen: min. 1 m³
    Bei offenen Ladeflächen ist grundsätzlich NUR die vorhandene Ladefläche für den Nachweis des Mindest-Transportvolumens heranzuziehen.
    Bei Lastenrädern mit Transportboxen sind deren Volumina heranzuziehen.

Die Ladefläche der Pickup Modelle Allround und Work hat eine Grundfläche von 0,76 x 0,69 m. Man müsste die Ladung also gut 1,9 Meter hoch stapeln, um auf das geforderte Mindest-Transportvolumen von einem Kubikmeter zu kommen. Ob diese Ladehöhe noch der vom Bundesministerium geforderten plausiblen maximalen (Beladungs-)Höhe entspricht, wage ich allerdings zu bezweifeln. Die Lastenräder mit Transportboxen (0,87 x 0,67 x 0,67 m) kämen sowieso nicht auf das Mindest-Transportvolumen. Aber laut GWW hat sie bisher noch kein Kunde auf die staatliche Förderung angesprochen, und es gäbe ja immer noch die Möglichkeit das Volumen zu erweitern, indem man einen Anhänger hinzufügt.
Da aber ein Mitarbeiter der GWW während meines Besuchs gerade dabei war, ein Vorführfahrzeug mit einer nach hinten verlängerten Ladefläche für die Eurobike aufzubauen, auf der auch Europaletten transportiert werden können, gehe ich davon aus, dass es bald eine weiteres Pickup Modell mit einer größeren Ladefläche geben wird. Da es sich bei diesem Anbau an die Ladefläche um eine modulares System handelt, könnte man auch die Ladefläche des Pickup Allround / Work problemlos vergrößern.

Dass die StVZO Ausstattung (Beleuchtung, Reflektoren, Klingel) nur gegen Aufpreis erhältlich ist, hat mich gewundert. Selbst wenn ich mit dem Lastenrad nur auf dem Gelände meiner Firma unterwegs bin, brauche ich zumindest eine gescheite Beleuchtung. Auf den meisten, wenn nicht auf allen Werksgeländen, gilt sowieso die Straßenverkehrsordnung. Welche Marken / Modelle als StVZO Ausstattung verbaut werden, habe ich leider nicht hinterfragt.

Designtechnisch ist das XCYC Pickup komplett anders als klassische Lastenräder. Das ist übrigens gewollt und nicht Zufall. Man wollte sich mit dem dreirädrigen E-Lastenrad (zwei Räder hinten, eins vorne) bewusst abheben von den Long Johns, den Bäcker- oder Postfahrrädern, den Long-Tails oder den Christiania Bikes. Letztere haben zwar auch drei Räder, aber hier sitzt die Transportkiste auf der zweirädrigen Vorderachse.

Ich denke, dass das XCYC Pickup zwar tendenziell eher etwas für Gewerbetreibende, Kommunen oder Kurierfahrer ist, aber es könnte auch für Privatpersonen interessant sein. Wie oft wurde ich schon von Kunden gefragt

Ich wiege 140 kg, können Sie mir ein geeignetes Rad empfehlen?

Ich muss dann passen, weil die meisten Räder, die wir verkaufen, ein zulässiges Gesamtgewicht von 120 – 130 kg haben. Da Übergewicht zudem meist mit einer mangelnden Beweglichkeit einhergeht, hat das Pickup schon enorme Vorteile. Man kann aufsteigen und das Rad kippt dank seiner drei Räder nicht um. Das Gewicht hält es allemal und der Motor sorgt mit der Tretunterstützung des Fahrers für den nötigen Vorschub. Auch für Senioren, die sich auf zwei Rädern unsicher fühlen oder für Menschen mit Handicap haben die Pickup Modelle durchaus Potential. Für Hundebesitzer gibt es für den Transport ihrer Vierbeiner zwar auch Hundeanhänger, aber die sind eher für kleinere Rassen konzipiert. Ein Pickup mit Hundebox (930 x 810 x 640 mm) ist da eine echte Alternative für größere Hunderassen.

Kommen wir zum Preis. Ein Lastenrad ist ja nicht gerade günstig in der Anschaffung. Da ich mir selbst gerade ein E-Lastenrad – das Packter 40 von Riese und Müller – zugelegt habe, kann ich das beurteilen. Man stößt dann meist auf Unverständnis, wenn man erzählt, dass man sich ein hochpreisiges Rad zugelegt hat.

Was, so teuer war das! Dafür kann man sich ja schon ein gebrauchtes Auto kaufen!

Ja, kann man, muss aber nicht. Das Pickup Work / Allround gibt es ab 6499 €, für das Modell Performance muss man noch etwas drauflegen. Aufbauten, eine Lackierung in Wunschfarbe, Branding und Sonderausstattungen kosten natürlich extra. Da wünscht man sich natürlich eine finanzielle Unterstützung von Vater Staat.

Als Privatperson bekommt man leider nur in einigen wenigen Kommunen einen Zuschuss und muss sich in der Regel sputen (siehe Berlin, wo die Fördergelder für privat genutzte Lastenräder bereits nach einem Tag vergriffen waren). Wenn ihr wissen wollt, in welche Stadt ihr als Privatperson bzw. Gewerbetreibender ziehen müsst, um in den Genuss eines Zuschusses zu kommen, informiert euch bei cargobike.jetzt.