Wer ganzjährig Rad fährt ist seltener krank

Menschen, die ihren Arbeitsweg aktiv gestalten, d.h. zu Fuß gehen oder Fahrrad fahren, sind weniger häufig krank als Pendler, die mit dem Auto fahren oder den Bus benutzen.
So what, wird jetzt manch einer sagen. Diese Erkenntnis ist wahrlich nicht neu. Wenn das aber ein alter Hut ist, frage ich mich natürlich, wieso es Beraterfirmen wie die EcoLibro GmbH braucht, um Behörden sowie große und kleine Unternehmen bei der Entwicklung und Umsetzung innovativer und attraktiver Mobilitätsstrategien zu unterstützen, sprich den Unternehmen zu zeigen, welche Anreize sie schaffen müssen, damit ihre Mitarbeiter freiwillig ihr Mobilitätsverhalten ändern.

Die EcoLibro GmbH hat zusammen mit der AG Mobilitätsforschung der Goethe-Universität Frankfurt eine interessante Studie veröffentlicht, deren Ergebnisse ich in mehrerer Hinsicht überraschend fand:

  • Nur wer seinen Arbeitsweg ganzjährig aktiv gestaltet (zu Fuß geht, Fahrrad fährt) ist weniger häufig krank (1/3 weniger Krankheitstage), hat einen niedrigeren BMI Wert und nach eigenem Bekunden ein höheres Wohlbefinden als Pendler, die nur bei schönem Wetter oder halbjährig den Arbeitsweg aktiv gestalten oder immer motorisiert unterwegs sind (Abb. 4).
  • Sommerradler haben im Jahr durchschnittlich 2 Krankheitstage mehr als Ganzjahres-Radler und werden in puncto Krankheitstage nur noch getoppt von ÖPNV Nutzer und Pendler, die mit unterschiedlichen Verkehrsmitteln (Abb. 4) unterwegs sind.

  • Frauen sind häufiger krank als Männer, egal welches Verkehrsmittel sie benutzen (Abb. 5). Krass ist hier insbesondere, wie die Schere zwischen weiblichen und männlichen Fußgängern auseinanderklafft.
    In dieser Hinsicht bin ich Gott sei Dank mit meinen Null Krankheitstagen überhaupt nicht repräsentativ.

  • Körperliche Bewegung auf dem Arbeitsweg hat einen größeren Einfluss auf die Anzahl der Krankheitstage als die Ausübung von Sport (Abb. 8). Ein Mehr an Sport hat nicht automatisch einen positiven Effekt auf die Anzahl der Krankheitstage. Anscheinend ist sogar teilweise das Gegenteil der Fall.

Jeder von uns weiß, wie schwer es ist, seine lieb gewonnenen Gewohnheiten zu ändern. Nehmen wir meine Firma als Beispiel:

  1. Acht meiner Kollegen kommen mit dem PKW / Motorrad / Roller.
  2. Drei Kollegen kommen im Sommer mit dem Rad und im Winter zu Fuß / mit der Straßenbahn bzw. dem PKW.
  3. Eine Kollegin kommt ganzjährig mit ihrem  Faltrad in Kombination mit der Bahn.
  4. Ich bin die einzige, die ganzjährig mit dem Rad zur Arbeit fährt ohne Kombination mit dem ÖPNV.

Vier der unter 1) genannten Kollegen könnten durchaus auch mit dem Rad / Pedelec zur Arbeit fahren. Die Gründe, warum sie es nicht tun – manche nennen es auch Ausreden – sind immer dieselben: zu weit, zu kalt, zu warm, zu anstrengend oder dauert zu lang. Selbst wenn der Arbeitgeber ihnen ein Dienstfahrrad überließe, würden sie wahrscheinlich nicht auf ihr Auto verzichten wollen. An der Infrastruktur kann das mangelnde Interesse für einen Umstieg aufs Rad auch nicht liegen. Das Radwegenetz ist gut ausgebaut, wir können uns in der Firma umziehen und unser Rad sicher im Gebäude abstellen. Auch aus gesundheitlichen Gründen spräche vieles fürs Rad, zumal es einigen noch dazu gut täte, ein wenig Hüftgold zu verlieren.

Man könnte finanzielle Anreize setzen, nach dem Motto „wer mit dem Rad zur Arbeit fährt, ist seltener krank und bekommt einen Bonus zum normalen Gehalt“. Angesichts der Tatsache, dass ich die einzige bin, die seit Firmeneintritt noch nie krank war – knock on wood – fände ich das nicht unverdient. Aber wie hoch müsste dieser finanzielle Anreiz sein? Da hätte jeder Arbeitnehmer andere Vorstellung abhängig vom eigenen Gehalt.

Man könnte den Spieß auch umdrehen, indem man z.B. die Zahl der PKW-Stellplätze drastisch verringert und stattdessen überdachte Fahrradabstellplätze und Sitzgelegenheiten aufstellt. Für den Stau auf der Straße muss man nicht sorgen, den hat man in der Rushhour sowieso schon.

Ob Gesundheits- und Mobilitätsschulungen etwas bringen, wie in der Studie vorgeschlagen, wage ich zu bezweifeln. Old habits die hard.