Wartungs- u. Reparaturkurs für Anfänger

Ich kann zwar einen Schlauch wechseln und weiß auch wann es Zeit wird, die Kette, die Bremsbeläge oder das Getriebeöl zu erneuern, habe aber – wenn man mal vom Schlauchwechsel absieht – keine dieser Reparatur- und Wartungsarbeiten je selbst durchgeführt. Ich war einfach zu bequem. Wozu hat man einen Mann, der handwerklich geschickt ist und sich noch dazu mit Fahrrädern auskennt! Kleinere Reparaturen – Schaltung einstellen oder Kette und Kassette wechseln – hat bis dato mein Mann durchgeführt. Wenn er keine Zeit hatte, habe ich meine Räder in die Werkstatt meines Vertrauens gebracht.

Aber wie heißt es so schön – selbst ist die Frau!

Als vor knapp zwei Wochen der ADFC seine neue Selbsthilfewerkstatt der Öffentlichkeit vorgestellt hat, war ich eigentlich nur da, weil ich neugierig auf den Werkzeugschrank war. Ihn bzw. das Werkzeug darin mal selbst auszuprobieren, war nicht mein Plan. Als aber Im Verlauf des Abends darauf hingewiesen wurde, dass bald ein Reparatur- und Wartungskurs stattfinden würde und nur noch wenige Plätze frei seien, habe ich mich spontan angemeldet. Wieso nicht mal selbst reparieren! So schwer kann das ja nicht sein. Auch nervt es mich schon lange, dass ich nach einem Schlauchwechsel beim Hinterrad immer unsicher bin, wo ich das Schaltwerk hin drücken muss, damit die Kette richtig um die beiden Umlenkrollen gelenkt wird. Sich mal nicht wie ein Volldepp fühlen hätte auch seinen Reiz.

Gestern hat dieser Reparaturkurs für Anfänger stattgefunden. Wir waren zehn Teilnehmer, ein Kursleiter und zwei weitere technisch versierte Betreuer, die mit Rat und Tat zur Seite standen. Ich denke, dass die anderen Teilnehmer mit einer ähnlichen Erwartungshaltung gekommen waren wie ich. Wir wollten uns informieren und möglichst viel selbst schrauben. Im Stillen hat der eine oder andere wahrscheinlich auch gehofft, nach dem Kurs einfache Reparaturen selbst durchführen zu können. Die Krux an der Sache war nur, dass jeder von uns eine andere Vorstellung von „einfache Reparaturen“ hatte. Unsere Räder waren was Zustand und Ausrüstung anbetrifft so unterschiedlich, wie Räder nur sein können. Vom Cityrad mit ausgerissener Beleuchtungsanlage, einem Rad mit Seitenläufer-Dynamo, einem vollgefederten Mountainbike bis hin zum Reiserad mit Rohloff Schaltung war alles vertreten. Jeder Teilnehmer war mit seinem individuellen Einzelschicksal gekommen und wollte eine möglichst einfache Antwort auf viele Fragen:

  • Ich kann nicht mehr hochschalten – wie stelle ich die Schaltung ein?
  • Die Bremse funktioniert nicht – was muss ich tun?
  • Die Bremsbeläge sind abgefahren – wie wechsle ich die aus?
  • Ich habe mir Schläuche gekauft – passen die überhaupt für mein Rad?
  • Reifenwechsel – wie baue ich das Hinterrad aus und wieder ein?
  • Kette gerissen – wie wechsle ich die Kette und welche brauche ich überhaupt?
  • Scheibenbremsen – worauf muss ich achten, wie wähle ich die richtigen Bremsbeläge und wie geht der Belagswechsel?
  • Kette gelängt – reicht ein Kettenwechsel oder muss ich die ganze Kassette tauschen?
  • u.v.m.

Diese vielen Fragen alle ausführlich beantworten zu wollen und die Erwartungshaltung eines jeden Einzelnen zu erfüllen, wäre schon extrem anspruchsvoll gewesen. Aber war das die Zielsetzung des Kurses? Ich glaube nicht.

Im Fahrradkalender des ADFC war der Kurs wie folgt beschrieben:

Ein regelmäßig gepflegtes Fahrrad geht seltener kaputt und reduziert damit den Reparaturaufwand. Wir zeigen am Fahrrad, was zu tun ist, damit Pannen vermieden werden.

Eine knappe Woche vor Kurs-Beginn kam per Email eine Liste der Dinge, die man nach Möglichkeit mitbringen sollte, eine kurze Übersicht über mögliche Themen und eine Zusammenfassung der Kurs-Ziele:

  • Allgemeines zu Wartung und Reparatur
  • Angst vorm Selber-Reparieren verlieren
  • Was kann ich selbst reparieren, wann sollte ich eine Fachwerkstatt aufsuchen?
  • Eingehen auf Fragen der Kursteilnehmer
  • Hands-on Erfahrungen sammeln

Es wurde im Skript klar darauf hingewiesen, dass man unter Umständen nicht alle aufgeführten Themen würde aufgreifen können.

Der Kurs startete mit einer kleinen Werkzeugkunde – was brauche ich für unterwegs, was lohnt, sich für daheim anzuschaffen. Es wurden unterschiedliche Werkzeuge vorgestellt, erklärt und herumgereicht. Einige davon kamen im Verlauf des Kurses auch zum Einsatz (Inbus-/Torx-Schlüssel, Kettenverschleißmesslehre, Drehmomentschlüssel, Kreuzschlitzschraubendreher, etc.).

Werkzeug für unterwegs u. daheim / Lektüre rund ums Thema Fahrradreparatur und Wartung

Nach dieser kurzen theoretischen Einführung ging es ans Eingemachte – an die Räder. Der Kurs passte sich jetzt den Bedürfnissen einzelner Kursteilnehmer an.

  • Bremsen
    Das Thema Scheibenbremsen (Wirkungsweise, Typen, Wartung, Reparatur) wurde nur theoretisch abgehandelt, da niemand von uns mit abgefahrenen Bremsbelägen oder einer defekten Bremsanlage gekommen war. Anders sah es bei den Felgenbremsen aus. Da gab es teilweise erheblichen Reparaturbedarf. Eine Teilnehmerin hatte bereits neue Bremsbeläge dabei und konnte gleich loslegen. Der Kursleiter erklärte zunächst wie es geht und worauf zu achten ist und sie baute dann unter Anleitung die alten, abgefahrenen Beläge aus und die neuen wieder ein. Das Kursziel „Angst vorm Selber-Reparieren verlieren“ konnte man schon während der Mittagspause als erledigt abhaken. Eine Kursteilnehmerin hatte nämlich die Zeit genutzt, war zum nächsten Fahrradhändler gefahren, hatte sich neue Bremsbeläge gekauft und baute sie eigenständig und ohne Hilfe des Kursleiters bei ihrem Rad ein. Das Gute an solchen Aktionen ist, dass dann meist neue Probleme auftauchen, weil kein Rad dem anderen gleicht. Die Bremsbeläge waren zwar richtig eingebaut worden, aber die Bremszüge waren zu kurz. So konnten wir an einem praktischen Beispiel lernen, was man in so einem Fall tun kann. Wieder der gleiche Ablauf – erst eine theoretische Einführung in Bremszüge und ihre Wirkungsweise, dann die Praxis.
  • Schaltung
    Das Thema „Wie stelle ich meine Schaltung ein“ bzw. „Wieso kann ich nicht mehr hoch- oder runterschalten“ brannte einigen Teilnehmern unter den Nägeln. Das Rad einer Teilnehmerin war umgefallen. Das Schaltwerk war sogar in die Speichen gedrückt worden. Seit diesem Zeitpunkt konnte sie nicht mehr richtig schalten.
    Das Gute an einem Montageständer ist, dass man sich nicht bücken muss, wenn man das Schaltwerk inspizieren will. Wenn ein Rad auf Augenhöhe hängt, sieht man gleich viel besser. In diesem Fall, dass es ratsam wäre, eine Werkstatt aufzusuchen. Man hätte vielleicht am Schaltwerk herumbiegen können, aber was wäre, wenn etwas kaputt geht? Das Kursziel „Erkenne wann du eine Werkstatt aufsuchen solltest“ konnte ebenfalls abgehakt werden. 
    Andere Reparatur- und Wartungsarbeiten rund um die Kettenschaltung – Justieren, Schaltkabel wechseln, Schaltzüge gängig machen bzw. abschmieren – wurden danach an einem anderen Rad gezeigt. Nabenschaltungen – z.B. Rohloff, Alfine – wurden nur kurz angesprochen, weil von Seiten der Kursteilnehmer hier kein akuter Handlungsbedarf bestand. „Auf Themen und Fragen der Teilnehmer eingehen“ – ein weiteres Kursziel erreicht!
  • Beleuchtung
    Die Frage „Meine Lampe geht nicht. Wie stelle ich fest, ob der Fehler am Dynamo, am Kabel oder an der Lampe selbst liegt?“ wurde ziemlich zum Schluss des Kurses beantwortet. Mir persönlich war der Einstieg in dieses Thema – die Vorführung und Erläuterung des Multimeters – zu theoretisch und zu ausschweifend. Das mag aber daran liegen, dass mich das Frage-und-Antworte-Spiel – was ist Volt, Ampere, Ohm und wie unterscheide ich Volt und Ampere – zu sehr an meinen Physikunterricht erinnert hat, und daran möchte ich am liebsten nicht erinnert werden.
  • Reinigung / Wartung
    Dieses Themengebiet wurde im Verlauf des Kurses immer mal wieder gestreift und ganz zum Schluss noch mal separat behandelt. Wie wichtig es ist, sein Rad regelmäßig zu pflegen, ist glaube ich jedem spätestens dann klar geworden, als der Kursleiter mit einem Messer die dicke Pampe von den Umlenkrollen eines Rades abgekratzt hat. Anschaulicher konnte man nicht zeigen, dass ein sauberes, gepflegtes Rad nicht nur leiser und schneller fährt, sondern sich auch besser schalten lässt.

Ein sauberes Rad fährt besser / Auch in der „stabilen Seitenlage“ lässt sich ein Hinterrad einbauen / Abgefahrene Bremsbeläge gehören getauscht

Fazit der Kursteilnehmer:

  • Super Kurs-Vorbereitung und Durchführung
  • Sehr informativ und hilfreich
  • Mehr Hands-on Praxis wäre aber wünschenswert gewesen

Anregung der Kursteilnehmer:

  • Lieber doppelte Kursgebühren und dafür weniger Teilnehmer
  • Reparatur- und Wartungskurse für Fortgeschrittene anbieten
  • Thematisch begrenzte Kurse anbieten  (z.B. „nur“ Schaltung und Kette oder „nur“ Bremsen)

Ob und wann unser Feedback berücksichtigt werden kann, hängt natürlich nicht zuletzt davon ab, ob sich Leute finden, die bereit sind, diese zusätzlichen Kurse durchführen. Schließlich arbeiten alle ADFCler, die uns gestern mit Rat und Tat zur Seite standen, ehrenamtlich.