Gestern war ADFC Mitgliederversammlung. Neben der Entlastung und Neuwahl des Vorstands sowie der Bekanntgabe der Pläne des ADFC fürs Jahr 2018 stand folgender Antrag auf der Tagesordnung:

Radverkehr in Karlsruhe – das verkehrspolitische Programm des ADFC Karlsruhe

Laut Präambel des 2005 aufgestellten 20-Punkte-Programms zur Förderung des Radverkehrs will sich Karlsruhe als die Fahrrad-Großstadt Nr. 1 in Süddeutsch­land positio­nie­renEs wurde auch schon einiges getan, um diesem Ziel näher zu kommen, aber von einer echten Verkehrswende sind wir noch Meilen weit entfernt. Weiße Farbe und Fahrrad-Piktogramme auf der Straße machen aus einer vom Auto dominierten Stadt noch keine Fahrradstadt. Wenn man dem Radverkehr mehr Raum geben will, muss man ihn woanders wegnehmen. Das erfordert Mut und politischen Willen.

2019 finden die nächsten Kommunalwahlen in Baden-Württemberg statt. Eine Fortschreibung des 20-Punkte-Programms zur Förderung des Radverkehrs in Karlsruhe steht ebenfalls an. Die Gelegenheit ist also günstig, im Gemeinderat ein offenes Ohr für die Belange des Radverkehrs zu bekommen. Der Vorstand des ADFC Karlsruhe hat daher unter Zuhilfenahme des Nationalen Radverkehrsplans, der Ziele des Radentscheids Bamberg und  der Forderungen des Radentscheids Darmstadt  einen Maßnahmenkatalog zur Förderung des Radverkehrs erarbeitet, mit dem sich der ADFC in die Fortschreibung des 20-Punkte-Programms einbringen möchte. Auf der gestrigen Mitgliederversammlung wurde ein erster Entwurf dieses verkehrspolitischen Programms vorgestellt und von den Mitgliedern abgenickt.

Hier die Hauptforderungen des ADFC:

  • Erhöhung des Radverkehrsanteils bis 2025 auf 40 %, wobei der Zuwachs beim Radverkehr durch Verlagerung vom MIV gewonnen werden soll.
  • Deutlich mehr Geld und Personal zur Förderung des Radverkehrs und zum Ausbau der Infrastruktur wie im Nationalen Radverkehrsplan empfohlen. Für Karlsruhe als „Vorreiter“ wären das 18/19 € pro Einwohner (=5,4 Mio. € pro Jahr) sowie sechs Vollzeitstellen in den unterschiedlichen Ämtern für den Radverkehr.

    Quelle: Nationaler Radverkehrsplan

    Aktuell werden lediglich 3,5 € pro Einwohner ausgegeben (Gemeinderatsvorlage 2018/0012) und es gibt nur vier Vollzeitstellen.

  • Einrichtung der Stelle eines Radverkehrsbeauftragten als Koordinator und Ansprechpartner für Radfahrer
  • Verbesserte Anbindung des Umlands an die Stadt über Radschnellwege und innerstädtische Vorrangrouten. Wenn die Infrastruktur stimmt, legen Pendler auch längere Strecken mit dem Rad / Pedelec zurück.
    Folgende Straßen haben laut ADFC Potential, als Vorrangrouten ausgewiesen zu werden: Karlstraße / Hirschstraße (Süden), Nördliche Hildapromenade (Westen), Linkenheimer Straße / Willi-Brand-Allee (Norden), Haid-und-Neu-Straße (Nordosten).
  • Ausbau der Infrastruktur durch Leuchtturm Projekte wie z.B. die Fahrradschlange in Kopenhagen – eine Brücke nur für Radfahrer. Übertragen auf Karlsruhe hat der ADFC hier vor allem die Anbindung des Rheinhafens von Mühlburg aus im Fokus.
  • Ausbau des Radwegenetzes entlang von Haupt- und Nebenstraßen (jeweils min. 5 Kilometer / Jahr)
  • Ausweisung neuer Fahrradstraßen
  • Vorfahrtsberechtigte Führung von Fahrradstraßen durch Tempo-30-Zonen (kein „Rechts vor Links“ mehr)
  • ERA-konforme Radwege bzw. Rad- und Schutzstreifen
  • Umbau von mindestens drei Kreuzungen mit alter oder unzureichender Radinfrastruktur pro Jahr
  • Einrichtung von Querungshilfen (Bedarfsampeln) an Stellen mit hohem Autoverkehrsanteil
  • Ausbau von Tempo-30-Zonen
  • Sichere und gut beschilderte Umleitung für Radfahrende an Baustellen
  • Errichtung weiterer Fahrrad-Abstellplätze unter Berücksichtigung der steigenden Zahl von Lastenrädern und Rädern mit Anhängern. Ein Radverkehrsanteil von 30 % erfordert 6600 Fahrradabstellplätze, also drei Mal so viel wie bisher.
  • Ausbau des ÖPNV und der Park-and-Ride-Möglichkeiten
  • Mobilitätsbildung an Kindergärten und Schulen sowie Fortschreibung von Radschulwegsplänen
  • Unterstützung von sicherheitsrelevanten Themen durch Werbekampagnen (z.B. Überholabstand, Licht, Schulterblick)
  • Förderung des Radtourismus, zentrale Abstellmöglichkeiten für Rad und Gepäck

Einige Forderungen wurden kontrovers diskutiert. Sind z.B. Kampagnen wie „Kopf an: Motor aus“ sinnvoll oder reine Geldverschwendung? Die Mehrheit der anwesenden ADFC Mitglieder sprach sich für solche sicherheitsrelevanten Kampagnen aus. Ein Teil des Vorstands war anderer Meinung.
In Osnabrück gab es z.B. eine Kampagne zum Thema Überholabstand, die ich persönlich sehr gekonnt fand.

Folgende Punkte werden zusätzlich ins verkehrspolitische Programm des ADFC aufgenommen, weil sich im Verlauf des Abends gezeigt hat, dass sie für Radfahrer bzw. Fußgänger wichtig sind:

  • Grüne Welle für Radfahrer
  • Verstärkte Überwachung des ruhenden Verkehrs (Kampf gegen Gehweg- / Radwegparker)

Noch ist das verkehrspolitische Programm des ADFC nur ein Entwurf. Die genaue Ausarbeitung und finale Formulierung wird mit Sicherheit noch eine Weile in Anspruch nehmen. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass man den einen oder anderen Punkt auch innerhalb des Vorstands noch kontrovers diskutieren wird, denn ich konnte mich nicht des Eindrucks erwehren, dass nicht alle Forderungen von jedem Vorstandsmitglied mitgetragen wurden. Aber so ist sie eben, unsere Demokratie, die Mehrheit entscheidet, ob mir das als Einzelperson passt oder nicht. Und das ist auch gut so.