Kürzlich wurde in Durlach am Fuße des Turmbergs eine neue Zeitmessanlage enthüllt. Der Turmbergomat, wie die Macher der Anlage – die Stadt Karlsruhe und die Karlsruher Lemminge – ihn nennen, soll noch mehr Radfahrer und Läufer auf den Turmberg locken. Insgesamt 120 Höhenmeter und ca. 1,8 Kilometer muss man überwinden, um vom Fuße des Berges am Friedhof in Durlach bis zum Gipfel an der Turmbergstation zu gelangen. Ich habe mit meinem Trekkingrad mal einen Selbstversuch gestartet.

Die Lektüre des Kleingedruckten hat mich zunächst ein wenig erschöpft.

Wie so oft im Leben, wäre auch hier weniger mehr gewesen. Aber ich denke, dass sich die meisten Leute spätesten nach Punkt 4 sowieso dem Wesentlichen zuwenden, der Bedienungsanleitung:

  1. Stempelkarte entnehmen und zur Erfassung der Startzeit in den Schlitz stecken

    Karte abstempeln lassen und ab die Post

  2. Karte einstecken und wie der geölte Blitz den Berg hoch radeln oder joggen.
  3. Am Ziel die Karte zur Erfassung der Zielzeit wieder in den Schlitz des Turmbergomaten auf Höhe der Aussichstsplattform stecken.

    Zielzeit: 8:57 Minuten

  4. Wenn die Zeit auf www.turmbergomat.de veröffentlicht werden soll, die Karte ausfüllen und einwerfen. Ansonsten einfach mit nach Hause nehmen.

Turmbergomat bei der Aussichtsplattform – Ziel erreicht

Da ich nicht wusste, wie hoch die Latte hängt, habe ich meine Karte nicht abgegeben. Man hat ja einen Ruf zu verlieren. Es hätte ja sein können, dass meine Zeit unterirdisch war. Schließlich habe ich norddeutsche Gene, mein „Best-before-Date“ bereits überschritten und war noch dazu nicht mit einem Rennrad unterwegs (mehr Ausreden fallen mir gerade nicht ein).
Auf der Internetseite habe ich dann geprüft, ob ich eine Lusche bin oder nicht. Ich liege mit meiner Zeit von 8:57 Minuten bei den Frauen im Mittelfeld, also kein Grund sich zu schämen.

Für mich stellt sich allerdings die Frage, ob man so eine Zeiterfassung wirklich braucht. Reicht nicht auch die Uhr am Handgelenk oder der Tacho am Lenker? Anscheinend nicht, denn dann sehe ja nur ich meine Leistung und nicht die große weite Welt, sprich meine „Freunde“ und „Follower“ auf Facebook, Twitter und Co.

Bei Leuten, die eine Fitnessuhr oder einen Schrittzähler besitzen, ist mir ein ähnliches Phänomen aufgefallen. Nur Schritte, die man „nachweisen“ kann, sind Schritte auf die man stolz ist oder die einen glücklich machen. Ein Spaziergang, eine Laufrunde oder eine Fahrradtour, die nicht von einer Uhr aufgezeichnet wurde, erzeugt bei Fitnessuhr Besitzern weniger Glücksgefühle. Jeder gelaufene oder gefahrene Meter, der nicht belegt werden kann, hat einen geringeren Stellenwert als einer, der online dokumentiert ist. Wenn ihr mich fragt, ist das eigentlich traurig.

Wird der Turmbergomat  mehr Läufer und Radfahrer auf den Hausberg der Stadt locken? Zu Anfang bestimmt, denn ich bin ja nicht die einzige Karlsruherin, die neugierig ist. Sinnvoller wäre es allerdings, den Autoverkehr einzuschränken bzw. auszubremsen und die Straße zu sanieren. Bergauf fällt der desolate Zustand kaum ins Gewicht – zumindest nicht, wenn man wie ich mit dem Trekkingrad unterwegs ist – aber bergab muss man Slalom fahren, um den vielen Schlaglöchern auszuweichen, nicht ganz ungefährlich, wenn Autofahrer meinen, sie müssten überholen.