Tandem on Tour in Aserbaidschan

Die Einreise nach Aserbaidschan geht problemlos. Wir fahren im Norden über Lagodekhi ins Land. Was wird uns in Aserbaidschan erwarten? Anders als im christlichen Georgien, das sich zu Europa zugehörig fühlt, befinden wir uns hier in einem islamischen Land und am Rande Asiens. Meine Befürchtungen, dass ich hier besser nicht in kurzer Radbekleidung fahren sollte, werden sich nicht bestätigen. Ein Einheimischer versichert mir, dass das völlig in Ordnung sei. Überhaupt nehmen wir die Religionen nur am Rande wahr. Es gibt natürlich viele Moscheen, einen Muezzin, der zum Gebet ruft, hören wir jedoch nur gelegentlich.

Auf dem Weg nach Baku

Die Straße ist zunächst ziemlich holperig. Die Einfahrt in die erste Stadt, Balakän, überrascht uns dann umso mehr. Breite Einfallstraßen, die mit schmucken Laternen bestückt sind. Einheitliche, helle Sandsteinmauern grenzen die Grundstücke von der Straße ab. Dahinter finden sich zum Teil sehr große, ebenfalls aus hellem Sandstein gebaute Häuser. Alles wirkt aufgeräumter. In jedem größerem Ort gibt es einen Heydar-Aliyev-Park. Überhaupt ist der frühere Präsident, der Aserbaidschan eine politische Ordnung und wirtschaftliche Stabilität gebracht hat, omnipräsent. Überlebensgroß blickt er gütig von Plakaten am Straßenrand auf sein Volk herab.

Ein Aserbaidschaner stoppt seinen Wagen und reicht uns Bananen und Wasser. Viele Menschen winken uns zu, wünschen uns eine gute Reise. Überall, wo wir anhalten, versammeln sich schnell Männer und Kinder um uns. Diese wiederum sind wohlerzogen, sobald eines dem Rad zu nahe zu kommen scheint, wird es von einem Erwachsenen zurechtgewiesen. Niemand bedrängt uns. Wir haben immer das Gefühl, dass wir und unsere Sachen absolut sicher sind.

41 Grad – Steppe kurz vor Baku

Eigentlich wollten wir in den Norden des Landes, aber da die von uns ausgewählten Orte fast nur über unbefestigte Nebenstraßen zu erreichen sind, fahren wir erst einmal nach Baku. Es ist heiß. Das Thermometer klettert auf über 40 Grad. Die Landschaft wandelt sich in eine hügelige Steppe, je näher wir der Hauptstadt kommen. Traumkulisse für jeden Indianerfilm.

Und dann Baku. Tiflis war staubig, voller Abgase. Bakus Innenstadt ist modern, sauber, aufgeräumt.

Flame Towers in Baku

Wir wohnen in einem Appartement am Rande der historischen Altstadt, mit Blick auf das Kaspische Meer. Die Altstadt ist zwar sehr touristisch, aber durchaus sehenswert. Wir bekommen einen Eindruck, wie das Leben hier früher gewesen sein könnte.

Baku bei Nacht

Wie gut, dass wir Zeit finden, die Stadt in Ruhe zu erkunden. Sie übertrifft bei weitem unsere Erwartungen.

Um einen Teil der Strecke zu überbrücken, kaufen wir eine Bahnfahrkarte. Vom südlichen Älät bis nach Gäncä werden wir im Nachtzug mindestens drei Tagesetappen einsparen. Bis wir allerdings die Karte in den Händen halten, müssen wir einige Zeit und Geduld aufwenden. Der Bahnhof, in dem wir auch die Karten bekommen, liegt direkt neben der U-Bahn-Station, was allerdings nicht ohne weiteres zu erkennen ist. Also fragen wir einen Taxifahrer. Großes Fragezeichen in seinem Gesicht. Vielleicht weiß die Polizei, wo der Bahnhof ist. Die schickt uns erst einmal um den Block, bis schließlich ein junger Mann den entscheidenden Tipp gibt. Das hätten wir auch einfacher haben können. Nach weiteren zwei Stunden der Informationssuche und Anstehen am Ticketschalter haben wir, was wir wollen. Rückenwind schiebt uns Richtung Süden aus der Stadt hinaus. Dass er uns noch zum Verhängnis werden sollte, ahnen wir noch nicht.

Noch ist der Sandsturm fern

Denn wenige Kilometer außerhalb ist aus dem Wind ein handfester Sandsturm geworden, der uns von der Seite trifft und Radfahren unmöglich macht. Die Sicht ist auf wenige Meter begrenzt, nur noch gelber Sand zu sehen. Fritz schiebt das Rad während ich versuche, mich so gut es geht auf den Beinen zu halten. Der Sand kriecht in jede Pore und verpasst den frei liegenden Armen und Beinen ein schmerzhaftes Peeling. Die Rettung kommt in Form von Bill, Manager einer hiesigen Firma für technisches Zubehör für die Ölindustrie. Wir finden Schutz in seinem Büro, er organisiert den Weitertransport für uns und unser Rad.

Unser Rad wird verladen

Denn Fahrradfahren wird heute nicht mehr gehen. Wenngleich wir von einer Mitarbeiterin erfahren, dass das heute für sie als Einheimische lediglich Wind ist. Sturm sähe anders aus.

Es ist fast Mitternacht, als der Zug endlich einrollt. Sack und Pack muss in wenigen Minuten vom Gleisbett bis hinauf in den Wagon gehievt werden. Die Zugbegleiter kriegen fast einen Herzinfarkt, als sie das riesige Fahrrad sehen, ihr Protest ist allerdings schwach. Fritz hat seinen Fuß noch auf der Stufe, da rollt der Zug auch schon an. Das war knapp. Zum Glück ist einer der Zugbegleiter Fan vom deutschen Fußball. Und so serviert er uns Tee und frische Bettwäsche in unser Schlafabteil.

Schlafwagen

Gäncä

Schaltzug gerissen

Der Westen Aserbaidschans um Gäncä war im 19. Jahrhundert von Deutschen besiedelt. Vor Stalin sind sie dann geflüchtet oder wurden nach Sibirien deportiert. In vielen Orten findet man auch noch Spuren in Form von schwäbisch anmutender Häuser oder Kirchen. Hier und da sprechen die Menschen auch noch ein paar Worte deutsch. Bevor wir uns auf den Weg zurück nach Georgien machen, fahren wir noch einen Schlenker in die Berge nach Gädäbä.

In Gädäbä

Leider ist das Wetter so schlecht, dass wir im Nebel kaum die Straße erkennen, von der schönen Aussicht können wir nur im Reiseführer nachlesen. Hier im Grenzgebiet zu Armenien ist Aserbaidschan anders. Die Dörfer sind ärmer, es liegt viel Müll herum und Arbeit scheint es hier auch nicht zu geben. Völlig durchnässt nach mehreren Gewitterschauern finden wir bei einer netten Großfamilie Unterschlupf. Gerne nehmen wir das Angebot der heißen Dusche und eines trockenen Bettchens im Haus an. Am nächsten Morgen werden wir mit Eiern und Kuchen versorgt wieder auf die Reise geschickt.

Heute verlassen wir das Land, um über Georgien nach Armenien weiterzufahren. Denn einen direkten Grenzübergang nach Armenien gibt es wegen der Feindseligkeiten zwischen den beiden Ländern nicht. Wir haben in Aserbaidschan daher stets vermieden, von Armenien zu sprechen, um unnötigen Diskussionen aus dem Weg zu gehen. Dass die Aserbaidschaner die Armenier nicht mögen, war immer wieder deutlich herauszuhören.