Tandem on Tour in Armenien

Wegen der Streitigkeiten zwischen Armenien und Aserbaidschan gibt es keinen direkten Grenzübergang. Wir müssen einen kurzen Schlenker durch Georgien machen, um von dort nach Armenien einzureisen. Von Norden kommend geht es über Alaverdi und Vanadzor zum Sevansee.

Parken am Wegesrand

Während wir die erste Nacht auf dem Gelände eines rostigen Kieswerks verbringen mussten, werden wir für die kommende Nacht dafür mehr als nur entschädigt. In Odzun dürfen wir unser Zelt auf dem Gelände der alten Kirche aufschlagen. Der Pfarrer ist sehr interessiert an unserem Tandem und posiert neben Fritz für ein Foto.

Zelten an heiligem Ort Ozdun

Apropos Foto. Wenn wir für jedes Bild, das von unserem Gefährt gemacht wurde, einen Euro bekommen hätten, hätten wir unsere Reise damit wahrscheinlich komplett finanzieren können. Unzählige Male werden wir aus Autos geknipst und viele Menschen posieren mit uns vor dem Tandem. Reiseradler sind in diesen Ländern eher spärlich gesät, ein Tandem haben die meisten Menschen hier offensichtlich noch nie gesehen. Wenngleich wir später ein deutsches Tandemfahrerpaar aus Leipzig treffen werden. Welch eine freudige Überraschung.

Die Städte in Armenien sind in der Regel so, dass man, kaum hineingefahren, möglichst schnell wieder hinaus möchte. Alaverdi und Vanadzor sind gute Beispiele dafür. Alte, vor sich hin rostende riesige Industrieanlagen verschandeln das Stadtbild. Dazu kommen Wohnblocks, die schon lange keinen Handwerker mehr gesehen haben und langsam vor sich hin gammeln. Bewohnt sind sie trotzdem. Die Atmosphäre ist trostlos.

„Moderne“ Landwirtschaft

Ganz anders zeigt sich uns das Land außerhalb der Städte. Armenien hat eine uralte christliche Tradition. So kann man jeden Tag schöne Klöster besichtigen. Für uns als Radfahrer gibt es dabei allerdings ein Problem. Die Klöster liegen meist hoch oben auf irgendeinem Berg. Zu manch einem quälen wir uns hinauf, andere müssen wir einfach ignorieren. Haghpat ist ein Beispiel dafür. Der Anstieg mit Rad und Gepäck ist anstrengend, selbst die Busse stöhnen bei der Auffahrt. Dafür ist das Kloster selbst wirklich sehenswert. Touristisch nicht überlaufen und ungemein fotogen.

Unser Weg führt uns durch die ungewöhnlich schmucke Stadt Dilijan zum Sevan See. Auf der Passhöhe müssen wir wie schon gelegentlich in Georgien durch einen Tunnel. Für Radfahrer immer eine besondere Situation. Hier im Kaukasus sind sie Tunnel eng und nur sehr spärlich beleuchtet. Selbst mit Beleuchtung am Rad und Hänger inklusive Warnweste mit Blinklichtern stresst uns die Durchfahrt jedes Mal.

Linienbus

Direkt am See thront das Kloster Sevanavank auf dem Hügel einer kleinen Halbinsel. In jedem Reiseführer zu finden ist es entsprechend touristisch voll erschlossen. Souvenierstände, Imbissbuden und Hotels buhlen um die besten Plätze. Haghpat hat uns besser gefallen, die Aussicht von hier oben auf den See ist dagegen nicht zu verachten.

Kloster Noravankh

Wild campen am See ist kein Problem. Nur das Duschen mit kaltem Wasser aus unserem Wassersack kostet Überwindung. Immerhin liegt der See auf gut 1900 Meter, es ist entsprechend kühl. Auch die nächste Nacht verbringen wir in den Bergen. Am Sulema- Pass auf gut 2.200 Metern Höhe finden wir einen Traumplatz zwischen großen Felsbrocken auf einem kleinen Hügel. Ein heftiges Gewitter zieht auf. Während draußen der Reis noch im Regen köchelt, trinken wir im warmen trockenen Zelt schon mal ein Feierabendbierchen. Kurz hinter der Passhöhe besichtigen wir eine kleine uralte Karawanserei. Hier wären wir gern noch geblieben, um uns Geschichten vom Leben auf der Seidenstraße anzuhören.

Traumplatz am Sulema Pass

Ein weiteres Kloster lockt. Noravankh liegt spektakulär hoch auf einem Felsen am Ende einer Schlucht, die allein schon einen Besuch wert ist. Obwohl wir ohne Gepäck hinauffahren (das haben wir am Campingplatz zurückgelassen), wird aus der geplanten Kaffeefahrt eine knackige Zusatzrunde mit Anstiegen zwischen neun und fünfzehn Prozent. Es hat sich gelohnt.

Auf dem Weg zum Kloster Noravankh

Entlang der Grenze zu Nachitschevan fahren wir durch menschenleeres Gebiet -Road to Nowhere?- Um uns herum flimmern die Berge und Hügel orangegelb in der Hitze. Hier gibt es nicht einmal mehr Schafe. Nur oben auf der Bergkette an der Grenze erkennen wir Militärposten, die ihr kritisches Auge auf ein weiteres Krisengebiet werfen.

 

Endlich erreichen wir ein Highlight unserer Reise. Direkt hinter der türkischen Grenze schaut der riesige Berg Ararat (5165 m), an dem einst Noah mit seiner Arche gestrandet ist, auf uns herab. Wir dürfen auf einem Feld am Fuße des Klosters Khor Virab mit Blick auf den Berg und das Kloster zelten- Postkartenmotiv.

Schlafen im Schatten des Ararat

Yerevan, die Haupstadt, schickt sich an, eine moderne westliche Metropole zu werden. Die Prachtmeile ist voll von Luxusgeschäften. Bleibt die Frage, wer sich das leisten kann. Dazwischen finden sich armselige Hütten und unfertige Bauten. Wir verbringen zwei entspannte Tage bei Bob, unserem Warm Showers – Gastgeber.

Völkerverständigung – Wodka Trinken mit Maler in Yerevan

Nördlich des Aragats, mit über 4000 Metern der höchste Berg Armeniens, machen wir die erste wirklich unerfreuliche Erfahrung mit den Menschen in diesem Lande. Mitten in der Nacht werden wir von Dorfjungen mit Steinen beworfen. Dabei reißt einer davon ein großes Loch in unser Zelt. Vermutlich nur als dummer Jungenstreich gedacht ist es doch sehr ärgerlich. Die morgendliche Beschwerde bei den Erwachsenen bringt uns auch nicht weiter. ‚Kinder halt‘, ist alles, was sie dazu zu sagen haben. Verstimmt ziehen wir weiter.

Als ob die Armenier diesen unfreundlichen Akt wieder gut machen wollten, erfahren wir einen Tag später, kurz vor der Grenze nach Georgien, ungewöhnliche Gastfreundschaft. Wir schlafen im Krankenhaus, genauer gesagt im Pförtnerhaus, das mehrere kleine Zimmer mit Betten hat. Auch der Krankenwagenfahrer ruht dort während seiner Bereitschaft. Als wir uns anschicken unser Abendessen zu kochen, winkt unser Gastgeber, der Nachtwächter Rastom, ab. Er führt uns in die Personalkantine, wo wir mit Borscht, Brot, Käse und Tee gefüttert werden. Eine heiße Dusche in der Physiotherapie-Abteilung gibt es als krönende Zugabe. Welch ein gelungener Abschied aus Armenien!

Unser Quartier im Krankenhaus

Das Land hat sehr viele unterschiedliche, fantastische, mitunter bizarre Landschaften zu bieten. Die Menschen sind weit aus zurückhaltender als in Georgien oder gar in Aserbaidschan. Erst, wenn man sie anspricht, reagieren sie. Sie beobachten lieber anstatt auf den Fremden zuzugehen. Jetzt geht es zurück nach Georgien.