Schlagwort: Autofahrer

Nicht geschimpft ist genug gelobt

Egal ob bei Tisch, in der Beurteilung von Mitarbeitern oder auf Twitter – wir haben die Kunst des Lobens verloren. Die meisten Menschen – und ich leider auch – haben das Prinzip des Net gschimpft isch globt gnug schon so verinnerlicht, dass nur noch gemeckert wird. Wenn das Essen lecker ist, sagt keiner was, aber wehe es fehlt Salz!

Auf Twitter findet man die Kunst des Lobens leider eher selten. Meist wird gescholten oder abgelästert – in meiner Timeline in der Regel gegen Autofahrer oder besser gesagt DIE Autofahrer. Ich muss gestehen, dass ich allergisch bin gegen das DIE in DIE Autofahrer, DIE Radfahrer, DIE Frauen, DIE Deutschen, DIE Wasauchimmer, …

Ich möchte hier ein Beispiel aus Twitter anführen und hoffe, dass die Autoren mir deshalb nicht böse sind. Ich bin offen für Kritik und freue mich auf eure Kommentare:




Only bad news are good news

Radfahrer vs. Autofahrer – es gibt derzeit kaum ein Thema, das martialischer in der Presse behandelt wird als dieses.

  • Krieg auf der Straße (SAT1)
  • Der Fahrradkrieg: Kampf um die Straßen (NDR)
  • Radfahrer gegen Autofahrer – Der tägliche Verkehrskrieg in Berlin (Tagesspiegel)
  • Es herrscht Krieg auf deutschen Straßen (Deutschlandfunk Nova)
  • Radfahrer gegen Autofahrer – Duell auf Bremens Straßen (BILD)

Um mediale Aufmerksamkeit zu bekommen, kann das Vokabular gar nicht kämpferisch genug sein. Angesichts solcher Überschriften könnte man meinen, dass alle Verkehrsteilnehmer bis an die Zähne bewaffnet unterwegs sind. Alle Radfahrer sind Rowdys, Rambos oder Kampfradler und Autofahrer sind Drängler und Falschparker und grundsätzlich zu schnell und immer mit einem SUV unterwegs. Die Fronten scheinen verhärtet. Aber sind sie das wirklich? Wenn es so wäre, würde ich mich nur noch nachts, wenn alle schlafen, mit dem Rad aus dem Haus trauen.




Wer im Glashaus sitzt

Wer im Glashaus sitzt, der sollte nicht mit Steinen werfen. Auf dem Heimweg gestern Nachmittag stand ich brav wie ein Lämmchen an der roten Ampel und wartete auf Grün. Um mich herum warteten weitere brave Bürger per Pedes oder auf ihrem Rad. Da schoben sich doch glatt zwei Fußgänger an uns vorbei und eilten über die Straße, obwohl die Ampel immer noch auf Rot war. Solche Rowdies! Ich sollte einen Leserbrief schreiben über DIE FUSSGÄNGER, die IMMER bei Rot über die Straße gehen!

Weiter ging es Richtung Innenstadt auf dem Radweg. Was musste ich sehen? Parkende Autos und Fußgänger auf meinem Radweg! Wusste ich es doch. FUSSGÄNGER und AUTOFAHRER sind alles Verbrecher, die die Straßenverkehrsordnung missachten.

Auf der Fahrradstraße ein paar Minuten später, auf der sich eigentlich nur Radfahrer tummeln dürfen, gingen doch kackfrech wieder ein paar Fußgänger, selbst ein ortsfremder Autofahrer hatte sich darauf verirrt. Der Wutbürger in mir sollte wirklich seinen Zorn und seine Empörung freien Lauf lassen und einen Leserbrief veröffentlichen über DIE FUSSGÄNGER und DIE AUTOFAHRER. Das sind alles Rambos, Rowdies und Chaoten.

Im Oberwald schließlich wurde es ganz schlimm: zu viert nebeneinander blockierten Jogger und Walker den gemeinsamen Rad-/Fußweg. Dass DIE JOGGER und DIE WALKER auch IMMER den Weg blockieren müssen. Diese Unsitte gehört angeprangert und der Öffentlichkeit mitgeteilt in Form eines Leserbriefes, damit nicht immer nur DIE RADFAHRER angeprangert werden.

Wie kommt es aber, dass immer nur DIE RADFAHRER angeprangert werden, über DIE FUSSGÄNGER und DIE AUTOFAHRER schreibt kaum einer. Und sagt mir jetzt bitte nicht, dass nur Radfahrer sich verkehrswidrig verhalten und alle anderen Verkehrsteilnehmer nicht.

Versteht mich nicht falsch. Ich will das Verhalten einiger Radfahrer nicht gutheißen, indem ich das verkehrswidrige Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer anprangere. Ich bin es nur einfach leid, dass wir alle über einen Kamm geschoren werden. Ich bin nicht DIE, ich bin ich.