Schutzstreifen – Wunsch und Wirklichkeit

Je länger ich mit dem Rad in der Stadt unterwegs bin, desto weniger glaube ich an die schützende Wirkung der sogenannten Schutzstreifen. Und das denke ich nicht nur, weil mir vor zwei Jahren auf eben genau so einem Schutzstreifen jemand die Vorfahrt genommen hat, so dass ich unsanft über den Lenker absteigen musste.

Was will man mit Schutzstreifen erreichen und wie sieht die Wirklichkeit aus? Die Stadt Hamburg hat einen Flyer herausgeben mit dem Titel Radfahrstreifen und Schutzstreifen – Sicher und komfortabel Rad fahren. Auf diesen Flyer werde ich mich im Folgenden beziehen.

  • These 1: Schutzstreifen bieten hohen Fahrkomfort und die Möglichkeit schnell voranzukommen.
    Theoretisch mag das stimmen, aber praktisch komme ich als Radfahrer nur in den Genuss dieses Komforts, wenn die Straße leer ist – also sonntags – und keine Fahrzeuge widerrechtlich auf dem Schutzstreifen parken.

Zugeparkter Schutzstreifen

  • These 2: Schutzstreifen bieten Sicherheit, weil Fahrradfahrer dort für Autofahrer – insbesondere an Kreuzungen und Zufahrten – besser zu sehen sind.
    Leider sieht die Realität anders aus. Das weiß ich aus eigener schmerzhafter Erfahrung. Ich wurde an genau so einer Zufahrt von einem PKW Fahrer „übersehen“. Ich bin auf dem Schutzstreifen rechts am Stau vorbei gefahren, was ich als Radfahrer darf und ein von rechts aus einer Zufahrt kommende PKW Fahrer hat mich übersehen und mir die Vorfahrt genommen.
    Was sagt das Gesetz zum rechts Überholen? „Radfahrer dürfen auf dem Schutzstreifen im Rahmen des § 5 Abs. 8 StVO auf der Fahrbahn rechts wartende Fahrzeuge rechts überholen. Dabei ist außer besonderer Vorsicht auch eine mäßige Geschwindigkeit einzuhalten.“ Mäßig ist in diesem Zusammenhang eine Geschwindigkeit von 15 bis 20 km.
  • These 3: Schutzstreifen haben den Vorteil, dass Radfahrer an wartenden Autos (z.B. an Ampeln) bequemer vorbei fahren können. Dies ist für die Verkehrssicherheit von Bedeutung, da sie so aus dem „Toten Winkel“ der Autofahrer heraus in deren Blickfeld vorfahren können.
    Fahrzeuge dürfen die Markierung „bei Bedarf“ überfahren. Aber solche Ausweichmanöver sollten – so der Gesetzgeber – eher die Ausnahme als die Regel darstellen und es muss ausgeschlossen werden, dass der Verkehr auf dem Schutzstreifen zum Erliegen kommt.
    Auch hier klaffen Wunsch und Wirklichkeit in der Regel weit auseinander. Abends ruht der Verkehr hier immer auf dem Schutzstreifen und das nicht nur im Baustellenbereich, sondern auch schon davor und dahinter.

 

  • These 4: Schutzstreifen verhindern Konflikte:
    Schutzstreifen sollen helfen, Konflikte zwischen Fußgängern und Radfahrern zu vermeiden, wie sie auf baulich von der Straße abgetrennten Radwegen oder bei erlaubter Nutzung des Gehweges vorkommen können. Wenn die Schutzstreifen frei sind, dann stimmt diese These. Wenn aber der Schutzstreifen hälftig durch PKWs blockiert ist, dann weichen viele Radfahrer auf den Gehweg aus. „Komm wir fahren auf den Gehweg, hier ist es zu eng“, lautete letzte Woche der Rat einer Mutter, die mit ihrem Kind auf dem Schutzstreifen vor mir fuhr.
  • These 5: Schutzstreifen sorgen für Ordnung.
    Schutzstreifen sollen dafür sorgen, dass Radfahrer weniger häufig in der falschen Richtung, sprich links der Fahrbahn fahren. Links fahrende Radfahrer (Falschfahrer) sind überdurchschnittlich häufig an Unfällen beteiligt, weil Autofahrer an Einmündungen nicht mit ihnen rechnen. Diese These stimmt, ich kann mich nicht erinnern, dass mir auf einem Schutzstreifen jemals ein Radfahrer entgegengekommen wäre.

Summa summarum bezweifle ich die schützende Wirkung der Schutzstreifen. Dünne gestrichelte Linien laden geradezu dazu ein, überfahren zu werden. Tückisch finde ich auch, dass PKW-Fahrer beim Überholen eines auf dem Schutzstreifen fahrenden Radfahrers keine 1,5 m Abstand halten müssen. So entstehen immer wieder gefährliche Situationen wie diese.

Erst gefährlich knapp überholen und dann wegen Stau bremsen