Das stimmt, aber zunächst muss man es mal lernen. Dass es überhaupt erwachsene Menschen gibt, die nicht Radfahren können, konnte ich mir bis vor kurzem gar nicht vorstellen. Vor drei Jahren hatten wir eine Austauschschülerin aus Shanghai zu Besuch. Als sie mitbekam, dass ich mit dem Rad zur Arbeit fahre und auch die Kinder oft damit unterwegs sind, war sie wie elektrisiert. Sie will auch Radfahren, aber ihre Eltern haben es ihr verboten, weil es zu gefährlich sei. Ein Weltbild geriet ins Wanken. Was, ausgerechnet eine Chinesin konnte nicht Radfahren, weil ihre Eltern es ihr verboten hatten.

Die Eltern unserer chinesischen Austauschschülerin hatten Angst, dass ihre Tochter mit dem Rad unter die Räder kommen würde und zwar unter vier Räder. In Shanghai herrscht ein regelrechter Autowahn. Knapp 2 Mio privat genutzte PKW verstopfen täglich die Straßen der Metropole. Vor ein paar Jahren hat man die Reißleine gezogen. Wer ein Neufahrzeug zulassen will, muss das dazu notwendige Nummernschild erst ersteigern. Das „teuerste Blechstück der Welt“, so die Shanghaier. Für den Preis eines Nummernschildes kann man einen, wenn nicht sogar zwei chinesischen Kleinwagen kaufen. Offizielle Unfallzahlen gibt es zwar nicht, aber das Rad ist als Fortbewegungsmittel in den Hintergrund getreten, zumal es als Statussymbol nicht viel hermacht.

Es ist nie zu spät, mit dem Radfahren anzufangen, so lautet die Überschrift eines Artikels im Guardian. Auch bei uns in Deutschland lernen derzeit viele erwachsene Flüchtlinge mit ihren Kindern das Radfahren. In manchen arabischen Ländern ist es zum Beispiel Frauen verboten, mit dem Rad zu fahren. Für sie bedeutet ein Fahrrad nicht nur Mobilität, sondern auch ein Schritt in Richtung Emanzipation und Integration. Da es mit der Beherrschung des Fahrrads allein nicht getan ist, lernen die „Schüler“ auch welche Regeln in Deutschland gelten. Für viele Flüchtlinge sind die deutschen Verkehrsregeln verständlicherweise ein großes Fragezeichen. Umso wichtiger ist es, dass man sie für eine aktive Teilnahme am Straßenverkehr richtig vorbereitet. In Kehl machen das z.B. Freiwillige der Verkehrswacht. In Roßdorf in der Nähe von Göttingen haben die Johanniter diese Aufgabe übernommen. Der Heinrich Vogel Verlag bietet einen mehrsprachigen, bebilderten Flyer an, um den freiwilligen Helfern die Schulung der Fahranfänger zu erleichtern. Was täten wir bloß ohne diese vielen ehrenamtlich tätigen Helfer in Deutschland!

Radfahren ist nicht nur gesund, es verbindet – denn wer mobil ist kommt und bleibt in Kontakt mit anderen Menschen und kann intensiver am kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Leben teilnehmen. Dies sind sehr wichtige Schritte auf dem Weg zur Integration.