Only bad news are good news

Radfahrer vs. Autofahrer – es gibt derzeit kaum ein Thema, das martialischer in der Presse behandelt wird als dieses.

  • Krieg auf der Straße (SAT1)
  • Der Fahrradkrieg: Kampf um die Straßen (NDR)
  • Radfahrer gegen Autofahrer – Der tägliche Verkehrskrieg in Berlin (Tagesspiegel)
  • Es herrscht Krieg auf deutschen Straßen (Deutschlandfunk Nova)
  • Radfahrer gegen Autofahrer – Duell auf Bremens Straßen (BILD)

Um mediale Aufmerksamkeit zu bekommen, kann das Vokabular gar nicht kämpferisch genug sein. Angesichts solcher Überschriften könnte man meinen, dass alle Verkehrsteilnehmer bis an die Zähne bewaffnet unterwegs sind. Alle Radfahrer sind Rowdys, Rambos oder Kampfradler und Autofahrer sind Drängler und Falschparker und grundsätzlich zu schnell und immer mit einem SUV unterwegs. Die Fronten scheinen verhärtet. Aber sind sie das wirklich? Wenn es so wäre, würde ich mich nur noch nachts, wenn alle schlafen, mit dem Rad aus dem Haus trauen.

Ja, auch ich berichte oft über Missstände, denen ich begegne (Falschparker, gefährliche Überholmanöver, etc.). Die negative Berichterstattung nimmt einen größeren Raum ein als die positive. Es verhält sich ähnlich wie bei den Mahlzeiten – ist das Essen gut, sagt keiner was, aber wehe es ist versalzen! Bei Licht betrachtet wird es mal Zeit, über die vielen positiven Begebenheiten zu berichten, die man als Radfahrer unterwegs erlebt. Das sollten wir Blogger viel häufiger tun, denn schließlich wollen wir ja, dass noch mehr Menschen umsteigen aufs Rad. Nehmen wir als Beispiel meine gestrige Fahrt in die Innenstadt:

  • Als ich den Berg hinunter fuhr nach Wolfartsweier haben mich alle Autofahrer mit gebührendem Abstand überholt bzw. sind langsam hinter mir her getuckert und haben nicht gedrängelt. Dies ist eher die Regel als die Ausnahme.
  • In Durlach Aue kam mir in einer engen Straße ein Autofahrer entgegen und hielt an, um mich durchzulassen. Dabei hatte er Vorfahrt und ich nicht. Ich habe dankend die Hand gehoben und gegrüßt, er hat zurück gegrüßt und wir haben uns angelächelt.
  • Auf dem Nachhauseweg habe ich über das Gelände der Heinrich-Hübsch-Gewerbeschule abgekürzt, wo man seit kurzem eine Absperrung aufgestellt hat. Radfahrer sind eigentlich gehalten, hier abzusteigen und das Rad zu schieben. Vor mir ging ein junger Mann auf die Absperrung zu. Als er merkte, dass da von hinten jemand kommt, passierte er die Absperrung im Laufschritt, sodass ich nicht anhalten musste und durchfahren konnte. Ich habe mich freundlich bedankt und er hat verständnisvoll gelächelt.

Situationen wie diese, d.h. ein freundliches Miteinander, gegenseitige Rücksichtnahme und auch mal nachgeben, statt auf sein Recht zu pochen, kommen im Straßenverkehr viel häufiger vor, als es die martialischen Töne in der Presse vermuten lassen. Sicher – es gibt auch Idioten, aber die findet unter allen Verkehrsteilnehmern. Unter den Radfahrern genauso wie unter den Autofahrern oder Fußgängern. Aber die Idioten stellen eine Minderheit dar.

Seit ich eine GoPro an meinem Lenker habe, nehme ich viele Strecken auf, die ich mit dem Rad zurücklege. Die meisten Aufnahmen sind schnarchlangweilig. Keine Falschparker weit und breit, keine Drängler und auch keine Rambos unterwegs. Anderen Radfahrern dürfte es ähnlich ergehen. Ich habe aber noch nicht erlebt, dass jemand auf Twitter einen Clip veröffentlicht hätte, der zeigt wie friedlich es auf den Straßen zugeht. Denn wie gesagt – only bad news are good news. Negative Schlagzeilen bringen mehr mediale Aufmerksamkeit und dadurch mehr Likes und auch mehr Follower.

Versteht mich nicht falsch – es gibt noch viel zu tun, auch in Karlsruhe, der Fahrradhauptstadt Süddeutschlands. Aber ganz so schlecht wie das Verhältnis zwischen Autofahrern und Radfahrern in der Presse dargestellt wird, ist es bei uns nun wirklich nicht.