Radelblog

Das Rad – Fortbewegungsmittel und Lebensgefühl zugleich

Nicht geschimpft ist genug gelobt

Egal ob bei Tisch, in der Beurteilung von Mitarbeitern oder auf Twitter – wir haben die Kunst des Lobens verloren. Die meisten Menschen – und ich leider auch – haben das Prinzip des Net gschimpft isch globt gnug schon so verinnerlicht, dass nur noch gemeckert wird. Wenn das Essen lecker ist, sagt keiner was, aber wehe es fehlt Salz!

Auf Twitter findet man die Kunst des Lobens leider eher selten. Meist wird gescholten oder abgelästert – in meiner Timeline in der Regel gegen Autofahrer oder besser gesagt DIE Autofahrer. Ich muss gestehen, dass ich allergisch bin gegen das DIE in DIE Autofahrer, DIE Radfahrer, DIE Frauen, DIE Deutschen, DIE Wasauchimmer, …

Ich möchte hier ein Beispiel aus Twitter anführen und hoffe, dass die Autoren mir deshalb nicht böse sind. Ich bin offen für Kritik und freue mich auf eure Kommentare:

Was wollen mir die Worte sagen?

  1. ALLE Autofahrer hassen es, wenn ein Radfahrer vor ihnen fährt?
  2. ALLE Autofahrer hassen es, wenn ein Radfahrer rechts von ihnen am Stau vorbeifährt?
  3. ALLE Autofahrer hassen es, wenn Radfahrer Kopfhörer trage?
  4. ALLE Autofahrer hassen es, wenn Radfahrer auf der Straße statt auf dem Radweg fahren?
  5. ALLE Autofahrer hassen es, dass sie nicht auf Radwegen parken dürfen?
  6. ALLE Autofahrer hassen mich, weil ich mit dem Rad fahre?
  7. ALLE Autofahrer hassen mich, weil ich atme?
  8. u.s.w.

Sicher, es gibt solche Autofahrer, aber darüber vergessen wir nur allzu oft diejenigen, die regelkonform, rücksichtsvoll und vorausschauend unterwegs sind. Vielleicht benutze ich andere Wege als ihr und begegne anderen Fahrzeugführern. Meine Welt als Radfahrer sieht anders aus, sonst wäre ich nicht mit dem Rad unterwegs. Ich treffe regelmäßig auf Autofahrer, die mir die Vorfahrt gewähren, obwohl eigentlich ich warten müsste. Ich habe noch nie böse (eher neidische) Blicke von Autofahrern geerntet, wenn ich rechts an ihnen vorbei gerollt bin, um mich vor ihnen auf die „Poleposition“ zu stellen, Ich werde in der Regel mit ausreichend Sicherheitsabstand überholt und wurde vor Jahren das letzte Mal angehupt.

Ich fahre im Jahr ca. 10000 Kilometer mit dem Rad. Den größten Teil lege ich dabei auf dem Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen zurück. Autofahrer sind nicht mein Feindbild, sondern Verkehrsteilnehmer wie andere auch. Der Anteil der Rücksichtslosen und Blinden unter ihnen ist nicht größer als der unter den Radfahrern oder Fußgängern.

Vielleicht sollten wir uns wieder auf die Kunst des Lobens besinnen. Lasst uns mehr über die positiven Beispiele aus unserem Radfahreralltag berichten und weniger über die Arschlöcher. Denn nichts motiviert mehr als Lob. Das dürften wir alle aus eigener Erfahrung wissen.

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  1. Ich bin einer der zitierten Autoren auf Twitter und gleich vorweg: Ich bin nicht sauer! 😉

    Und ich gebe dir grundsätzlich recht. Es ist auch wichtig im Dialog zu bleiben, bzw. in den Dialog zu kommen, auch weil viele Autofahrer es gar nicht wissen, wie es sich anfühlt auf dem Rad sich zwischen Autos durch die Stadt zu schlängeln.

    In Bezug auf den konkreten Tweet möchte ich aber noch anmerken, dass hier zwar relativ allgemein von ‚Autofahrern‘ gesprochen wird, aber es nicht ‚DIE Autofahrer‘ heißt. Da sehe ich dann doch noch einen Unterschied und grundsätzlich auch ein gewisses Augenzwinkern. Böses MIV-Bashing sieht anders aus.

    Außerdem weißt du, dass ich keine Scheu habe, von positiven Beispielen zu berichten, wie gerade kürzlich, wo ein LKW-Fahrer ein klares ‚Daumen hoch‘ von mir bekommt, weil er super vorausschauend gefahren ist und mir deutlich gemacht hat, dass er mich sieht und auf mich Rücksicht nimmt.

    Leider erlebe ich es persönlich aber auch sehr häufig, dass ich durch Fehlverhalten von Autofahrern gefährdet werde. Sicher häufig auch ohne böse Absicht, sondern aus Unwissenheit oder anderen Gründen, aber eben gefährdet.

    • Anke

      Dialog ist wichtig, da gebe ich dir vollkommen recht. Auch wichtig ist, die positiven Aspekte des Radfahrens rüber zu bringen. Und damit meine ich jetzt nicht Argumente wie Umweltschutz, Gesundheit, Nachhaltigkeit und Kostenersparnis, sondern so profane Dinge wie Spaß am Radfahren. Nur wer viel mit dem Rad unterwegs ist wie wir, weiß wie viel positive Energie und Emotionen frei werden, wenn einem unterwegs auf dem Rad der Wind um die Nase weht, man seine Gedanken schweifen lassen kann oder den Frust des Arbeitstages auf dem Heimweg einfach wegstrampelt.
      Auf Twitter und Co. gelingt dies derzeit ein Stück weit im Zusammenhang mit der Aktion „Mit dem Rad zur Arbeit“ (stimmungsvolle Bilder, freie Radwege, lächelnde Radler, etc.).
      Niemand überzeugt einen Pendler, der vom Auto aufs Rad umsteigen will, aber noch unsicher ist, mit martialischen Tweets, in denen von Krieg auf der Straße die Rede ist. Wenn Rad fahren so gefährlich wäre, wieso sollte da jemand umsteigen?
      Die Mehrheit der Autofahrer ist regelkonform und vorausschauend unterwegs. Statt über die Armleuchter am Steuer zu posten, sollten wir – ich selbst nehme mich da gar nicht aus, ich muss mir da an meine eigene Nase fassen – öfter auf die vielen positiven Begebenheiten hinweisen.

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