Nachruf auf eine starke Frau

Freud und Leid liegen ja bekanntlich dicht zusammen. So auch in meiner Familie. Ostern haben wir noch alle den runden Geburtstag meiner Mutter gefeiert, knapp eine Woche später ist meine Tante im Alter von 96 Jahren gestorben. Für mich ist es immer noch unfassbar, dass diese toughe Frau nicht mehr unter uns weilt. Trotz ihres hohen Alters schien sie irgendwie immer unverwüstlich. Sie war ein Fels in der Brandung, geistig fit, stets fröhlich und nie ernstlich krank. Zumindest hat sie nie viel Aufhebens darum gemacht.

Was war ihr Erfolgsgeheimnis? Sie selbst würde jetzt sagen jeden Tag ein halbes Pfund Quark.

Das mag dazu beigetragen haben, aber ich denke es war ein Mix aus vielen Dingen – gesunde Ernährung gepaart mit moderater Bewegung, „guten“ Genen, einer großen Portion Glück und vor allem eine positive Lebenseinstellung. Insbesondere darum habe ich sie immer beneidet und bewundert.
Wir waren natürlich nicht immer einer Meinung. Das ist schon allein dem großen Altersunterschied geschuldet. Sie war eher konservativ ausgerichtet und den Traditionen verbunden. Aber dennoch hatte sie immer ein offenes Ohr für Neues. Sie konnte beides – gut zuhören und spannende Geschichten erzählen.

Weihnachten sagte sie noch

Anke, ich hatte 95 gute Jahre. Dafür muss ich echt dankbar sein. Alles was jetzt noch kommt ist Zugabe. Ich freue mich auf jeden Tag und nehme ihn so wie er kommt.

Kurze Wege im Dorf legte sie mit ihrem Dreirad zurück. Das war ihr Markenzeichen. Jüngere finden dieses seniorengerechte Modell eines Trikes vielleicht spießig. Ich nenne so etwas Lifeline. Mit diesem Dreirad ist meine Tante Jahre lang durchs Dorf gefahren. Dadurch war sie mobil und unabhängig, traf unterwegs Freunde und Bekannte und nahm so am sozialen Leben des Dorfes teil. Abgesehen mal von geistiger und körperlicher Fitness – die man sich ja nicht zuletzt auch durch Bewegung an frischer Luft erhält – ist nichts so wichtig im hohen Alter wie soziale Kontakte.

Andere haben Persönlichkeiten aus Funk und Fernsehen als Vorbilder. Ich nicht. Meine Vorbilder sind allesamt „normale Menschen“, bei denen man auch hinter die Fassade blicken kann. Meine Tante gehört zu diesen Vorbildern – eine starke Persönlichkeit, die in ihrem Leben viel durchgemacht hat, aber dennoch immer positiv in die Zukunft blickte. Ich hoffe, dass ich mir eine Scheibe davon abschneiden kann.