Es herrscht dicke Luft in deutschen Städten. Fast täglich werden die max. erlaubten Feinstaub- und Stickstoffdioxidwerte überschritten. Laut Umweltbundesamt trägt Stuttgart die rote Laterne was die Luftqualität anbetrifft. So wurden in der Straße Am Neckartor durchschnittlich 82 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter gemessen, an 35 Tagen wurden sogar Spitzenwerte von mehr als 200 Mikrogramm verbucht. Appelle der Stadtväter, freiwillig aufs Auto zu verzichten und stattdessen auf öffentliche Verkehrsmittel bzw. aufs Fahrrad umzusteigen, fielen auf taube Ohren. Ab 2018 drohen daher Fahrverbote für ältere Diesel Fahrzeuge.

Da nicht sein kann, was nicht sein darf, soll die Natur jetzt gegen Feinstaub helfen. Moos ist die neue Zauberwaffe. Die Pflanze ist wie ein Schwamm und laut Uni Dresden hervorragend geeignet, Feinstaub aufzunehmen und vollständig umzuwandeln. Stuttgart hat unweit von Deutschlands schmutzigster Kreuzung am Neckartor eine ca. 100 Meter lange Schallschutzmauer mit Moos bepflanzen lassen. Das Problem an der Sache – Mooswände kosten Geld, viel Geld. Es ist nicht nur schwierig, die richtigen Moosarten zu finden und diese vorm Austrocknen zu schützen, sondern auch noch so zu positionieren, dass die Windrichtung stimmt, um den Feinstaub optimal herauszufiltern.

Die Stadt Karlsruhe ist da schon einen Schritt weiter. Getreu dem Motto „wieso kompliziert, wenn es auch einfach geht“ setzt die Stadt bei der Bekämpfung des Feinstaubs auf die Mithilfe ihrer Bürger. Sie hat die Aktion Moos für Moos ins Leben gerufen. Start: Januar 2018. Was verbirgt sich hinter dieser Aktion?

Ganz einfach, Grundstücksbesitzer mit Gartenanteil werden aufgerufen, ihre Rasenfläche in Zukunft nicht mehr zu vertikutieren, sondern vermoosen zu lassen. Moos ist schließlich auch grün. Wer an dieser Aktion mitmachen will, der muss bis Ende Juli dieses Jahres ein Stück Moos ans Gartenbauam einschicken, damit Experten prüfen können, ob es sich bei diesem Moosstück um das begehrte „Graue Zackenmützenmoos“ handelt. Diese Moosart ist besonders gut geeignet. Schadstoffe aufzunehmen.

Versüßt wird uns der vermooste Garten über die Grundsteuer. Der Hebesatz für Grundsteuer A (Land- und Forstwirtschaft) und Grundsteuer B (Grundstücke) beträgt in Karlsruhe derzeit satte 470 vom Hundert, sprich 470 %. Angsichts der rasant gestiegenen Kosten für die Kombilösung – die Kosten haben sich auf über eine Milliarde erhöht – soll die Grundsteuer 2018 erneut erhöht werden.Teilnehmer an der Aktion „Moos für Moos“ werden von dieser Grundsteuererhöhung verschont. Wer außerdem sein Vertikutiergerät verschrottet – es reicht, das Gerät beim Gartenbauamt abzugeben – der erhält eine kostenlose Schulung in der Vertikalbegrünung von Mauern und Stützwänden.

Je mehr Moos, desto weniger Rasen und wo kein Rasen ist, muss auch nicht mehr gemäht werden. Ein vermooster Garten wirkt also doppelt: Er filtert und bindet die Feinstaubpartikel und sorgt gleichzeitig dafür, dass weniger fossile Brennstoffe durch das Mähen und Vertikutieren des Rasens verbrannt werden.

Als Gartenbesitzer hat das für uns nur Vorteile – weniger Arbeit und weniger Grundsteuer. Ich hätte nie gedacht, dass ich unseren vermoosten Garten mal richtig liebgewinnen würde. Die Natur kann jetzt schalten und walten, während ich auf dem Liegestuhl liege und ihr beim Arbeiten zusehe.

Unser Moos – bald auch vertikal an der Mauer

… und jetzt schon horizontal im Garten

Karlsruhe hat eben nicht nur auf Schildern viel vor und viel dahinter!