Mit dem Rad zur Arbeit

Heute geht die Aktion Mit dem Rad zur Arbeit zu Ende. Es wird in dem Zusammenhang in den Medien immer wieder darüber diskutiert, wie man auch die Menschen vom Auto aufs Rad bringen könnte, die einen längeren Anfahrtsweg haben. Radschnellwege sollen schaffen, wozu die vorhandene Fahrradinfrastruktur bisher nicht in der Lage war, nämlich auch diejenigen Pendler dazu zu bewegen, aufs Rad zu wechseln, die mehr als 20-30 Kilometer zum Arbeitsplatz fahren müssen. Ich habe da zwar so meine Bedenken, dass es mit Radschnellwegen alleine getan sein wird, aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Zumal es durchaus auch jetzt schon Leute gibt, die sich nicht von einer Stunde Anfahrtsweg per Rad abschrecken lassen.

Mein Weg zur Arbeit ist ja mit 17 Kilometern schon länger als üblich, aber verglichen mit Kevin, dem jungen Mann, der in der Firma direkt nebenan arbeitet, bin ich eine Kurzstreckenradlerin. Kevin wohnt in Marxell im Nordschwarzwald und fährt jeden Tag gut 26 Kilometer mit dem Rad nach Karlsruhe zur Arbeit, und zwar quer durch den Wald. Die Route ist weder vier Meter breit, noch kreuzungsfrei und beleuchtet schon gar nicht. Morgens, bergab, schafft er die Strecke in knapp einer Stunde, abends braucht er dafür etwas länger, zumal er meist noch eine „kleine“ Extrarunde über Bad Herrenalb oder die Teufelsmühle dreht. Wenn er mit strahlenden Augen von seinen Radtouren, der Natur und seinen vielfältigen Eindrücken erzählt, dann spürt man förmlich selbst den Fahrtwind in den Haaren. Er genießt jede Minute auf dem Rad. Eine Stunde und mehr mit dem Rad zu pendeln ist für ihn keine Last, sondern Lebensfreude pur.

Wie bringe ich aber die Nicht-Kevins und Nicht-Ankes dazu, auch längere Strecken mit dem Rad statt mit dem Auto zur Arbeit zu pendeln? Kevin und mir ist es egal, ob wir 15, 20 oder 25 Kilometer Strecke vor uns haben, solange wir unser Rad am Ziel sicher abstellen können. Für uns ist der Weg das Ziel. Unsere Räder sind Fortbewegungsmittel und Sportgerät zugleich. Der „normale“ Pendler sieht das aber anders. Wie heißt es so schön „old habits die hard“. Wer immer mit dem Auto gefahren ist, dem fällt so ein Umstieg aufs Rad nicht leicht. Für den spielen die Faktoren Zeit und Bequemlichkeit eine wichtige Rolle.  Und Sport ist nicht unbedingt jedermanns Sache.

„Otto-Normalradler“ legt im Schnitt 500-600 km (Tendenz steigend) im Jahr mit dem Rad zurück. Wird er täglich 20-30 km mit dem Rad zur Arbeit pendeln, nur weil ein Teilstück seines Arbeitsweges – sagen wir mal 5 Kilometer – als Radschnellweg ausgewiesen wurde? Ich glaube nicht (220 Arbeitstage x 40 bzw. 60 km = 8800 / 13200 km im Jahr!).

Wie bringe ich ihn also zum Umstieg aufs Rad? Ich denke, dass eine gut ausgebaute Fahrradinfrastruktur allein nicht die Lösung des Problems ist. Wenn das nämlich so wäre, müsste die Hälfte meiner Kollegen so wie ich mit dem Rad zur Arbeit kommen. Zu einer guten Infrastruktur müssen sich also auch noch andere Anreize – positive wie negative – gesellen. Einzelmaßnahmen reichen da einfach nicht.

  • Für eingefleischte Autofahrer muss der Leidensdruck wahrscheinlich noch steigen (Stau, Parkplatznot, City-Maut, höhere Parkplatzgebühren), bevor sie auch Alternativen wie das Rad oder den ÖPNV in Betracht ziehen.
  • Finanzielle Anreize vom Staat oder vom Arbeitgeber in Form von Steuererleichterungen oder Bonussen wären weitere Möglichkeiten, den Umstieg vom Auto aufs Rad schmackhaft zu machen. Schließlich verursachen Radfahrer weniger Kosten als Autofahrer. Dafür könnte man sie ruhig auch mal belohnen.
  • Wenn man 20 Kilometer oder mehr mit dem Rad zurückgelegt hat, ist man in der Regel nicht mehr taufrisch. Da möchte man sich am Ziel natürlich frisch machen und/oder umziehen. Hier stehen die Arbeitgeber in der Pflicht. Neben sicheren und überdachten Fahrradabstellplätzen braucht es auch Duschmöglichkeiten und Spinte.
  • Einsicht ist bekanntlich der erste Schritt zur Besserung. Jeder Kilometer, den wir mit dem Rad oder zu Fuß statt mit dem Auto zurücklegen, schont die Umwelt und dient unserer Gesundheit. Nicht zuletzt unsere Kinder und Enkel werden es uns danken.