Man muss auch mal loben können

Wir Blogger rund ums Thema Radfahren sind in der Regel recht kritikfreudig, um nicht zu sagen wir meckern gern. Wir weisen gebetsmühlenartig auf die unzureichende Infrastruktur für Radfahrer hin, beklagen Missstände (z.B. fehlende, verschmutzte, nicht gestreute oder vom Laub befreite Radwege, mangelnde Abstellplätze, keine „grüne Welle“) und stellen Wunschkataloge auf. Über Positives berichten wir zwar auch, aber meist im Zusammenhang mit Städten wir Kopenhagen, Amsterdam, Münster oder London.

Da man manchmal vor lauter Bäume den Wald nicht mehr sieht, möchte ich jetzt mal auf Dinge hinweisen, die bei uns in Karlsruhe lobenswert sind:

  1. Carsharing mit stadtmobil und ÖPNV
    Karlsruhe ist Carsharing Hauptstadt. Gemessen an der Einwohnerzahl hat keine andere Stadt Deutschlands so viele Carsharing Autos wie Karlsruhe. Bei uns stehen je 1000 Einwohner rein rechnerisch 1,9 Carsharing Fahrzeuge bereit (Stand 2014). In Städten wir Hamburg, Berlin oder München ist diese Quote nicht mal halb so groß. Insbesondere den jungen Leuten ist der Besitz eines Autos heute nicht mehr wichtig. Wozu auch, wenn der ÖPNV wie bei uns in Karlsruhe gut ausgebaut ist und Parkplätze Mangelware sind.
  2. Leihfahrräder
    Auch in punkto Leihfahrräder ist Karlsruhe Vorbild für andere Städte. Einige Hundert Fächerräder sind über das ganze Stadtgebiet verteilt. Sie können mittels App oder telefonisch ausgeliehen und auch wieder zurückgegeben werden. Im Kerngebiet – das ist im Grunde das ganze Stadtzentrum und Durlach – kann man die Räder einfach an jeder öffentlich einsehbaren Kreuzung abstellen, außerhalb dieses Gebiets nur an den offiziellen Stationen.
  3. Leih-E-Bikes
    Nextbike – das Unternehmen, das auch unser Fahrradverleihsystem, sprich das Fächerrad, betreut – hat mittlerweile auch E-Bikes in ihrer Flotte. Jetzt  im Winter wurden die E-Bikes zwar eingemottet – so ein Akku mag einfach keine Kälte – aber ab März stehen die Räder mit Rückenwind wieder zur Verfügung.
    Auch der KVV verleiht E-Bikes. Am „K“, dem Informationspavillon der Kombilösung am Ettlinger Tor kann man die KVV-Bikes mieten und wieder zurückgeben.
  4. Radzähler
    Der Radzähler in der Erbprinzenstraße neben dem ECE hat im vergangenen Jahr wieder mehr als 1,8 Mio Radfahrende gezählt. Das sind zwar weniger als ein Jahr zuvor, aber da gab es auch noch nicht die Parallelroute über die Zähringer Straße und den Marktplatz und die Baustellensituation war eine andere. Außerdem weiß jeder, der sich einigermaßen in Karlsruhe auskennt, dass das Teilstück entlang dem ECE immer ein Nadelöhr ist, da hier viele Fußgänger kreuzen.

    Fahrradzähler beim ECE

  5. Fahrradstraßen
    Mittlerweile gibt es in Karlsruhe eine Reihe von Fahrradstraßen, d.h. Straßen, die explizit für den Radverkehr vorgesehen sind (Bahnhofstraße, Erbprinzenstraße, Hagsfelder Allee, Sophienstraße). Sie dürfen von anderen Fahrzeugen nur benutzt werden, wenn dies durch Schilder auch ausdrücklich erlaubt ist. Höchstgeschwindigkeit ist dann 30 km/h. Weitere Straßen sollen folgen, was sich allerdings noch hinziehen kann, da ein Ende der Kombibaustellen noch nicht abzusehen ist.
  6. Radwege
    Karlsruhe ist ja derzeit auch Baustellenhauptstadt. Doch wenn ein Bauabschnitt dann endlich mal fertiggestellt ist, ist das Ergebnis oft auch für uns Radfahrer erfreulich. Nehmen wir als Beispiel die Karlstraße. Der neue Radweg ist wirklich vorbildlich. Die Piktogramme sind groß, klar erkennbar und der Radweg hat eine ausreichende Breite. Alles wäre prima, wenn er nicht ständig als Parkplatz missbraucht werden würde.
    Manche Straßen sind für die Anlage eines Radweges einfach nicht breit genug. So auch die Hardtstraße. In solchen Fällen legt die Stadt schmalere Radwege, sogenannte Schutzstreifen, an. Schutzstreifen sind zwar immer ein Kompromiss, aber besser als gar nichts.
    2016 werden die Bergdörfer ans städtische Radwegenetz angeschlossen. Wir erhalten einen veritablen Radweg von Wolfartsweier bis nach Grünwettersbach bzw. vom Zündhütle nach Hohenwettersbach. Bisher sind wir Radfahrer auf dem Gehweg entlängs der Straße nur in Richtung Bergdörfer geduldet.

    Die Bäume sind schon weg

    Die Bäume wurden schon gefällt

  7. Günther-Klotz-Anlage / Alb / Oberwald / Hardwald
    Die Alb schlängelt sich von Ettlingen kommend durch die Günther-Klotz-Anlage und mündet etwa in Höhe des Ölhafens in den Rhein. Parallel zum Fluss gibt es eine Vielzahl von Rad-/Gehwegen. Ich kann im Grunde genommen die ganze Stadt fern von jeglichem Autoverkehr mit dem Rad durchqueren. Ähnliches gilt für den Hardtwald. Vom Stadtzentrum kann man Kilometer weit durch den Wald radeln, joggen oder spazierengehen, ohne einem einzigen Auto zu begegnen.
    Ich wohne zum Beispiel in einem Höhenstadtteil und arbeite in der Nordweststadt. Strecke: 16 Kilometer. Wenn man mal von den ersten und letzten beiden Kilometern absieht, fahre ich nur auf autofreien Wegen durch den Oberwald und an der Alb entlang.

Trotz dieser positiven Beispiele bin ich mir natürlich bewusst, dass auch bei uns in Karlsruhe noch viel getan werden muss, damit wir Radfahrer als gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer wahrgenommen und respektiert werden. An der Infrastruktur wird gearbeitet. Aber auch in den Köpfen muss sich was ändern. Nicht nur in den Köpfen der Autofahrer und Fußgänger. Auch jeder einzelne von uns muss seinen Beitrag leisten, und sei es nur durch eine rücksichtsvolle, regelkonforme Fahrweise.