Lingen (Ems)

Zwei Tage sind nicht viel, um eine Stadt richtig kennenzulernen, aber als Radfahrer bekommt man schon einen ganz guten ersten Eindruck. Dieser lässt mich hoffen, dass sich meine Jüngste für ihr Master-Studium für Lingen entscheidet, denn dann hätte ich noch oft Gelegenheit, die Stadt und das Umland mit dem Rad zu erkunden und wüsste dann, ob mein erster unter dem Strich positiver Eindruck getrogen hat oder nicht.

Die Kleinstadt mit ca. 53 Tausend Einwohnern hat mir nicht nur wegen der vielen Radfahrer gefallen. Sie hat einfach Charme. Lingen ist eine lebendige Stadt, der man ansieht, dass die Stadtväter sich hier mächtig in Sachen nachhaltiger Stadtplanung ins Zeug gelegt haben. Statt 1-Euro-Läden, Dönerbuden und Hörgeräteakkustiker bietet die Innenstadt einen Mix aus erwartbarer Ketten und erstaunlich vielen alteingesessenen Geschäften, die wahrscheinlich schon seit Jahrzehnten im Familienbesitz sind. Das Stadtzentrum ist, wenn man mal vom Lieferverkehr absieht, komplett autofrei. Radfahrer dürfen die Fußgängerzone nur zwischen 18 und 10 Uhr morgens befahren, ansonsten ist schieben angesagt. Das hört sich im ersten Moment schlimm an, ist es aber nicht, denn so riesig ist die Fußgängerzone nun auch wieder nicht, dass man kilometerweit schieben müsste.

Was einem sofort auffällt, wenn man in die Stadt kommt, sind die vielen Radfahrer. Anders als bei uns in Karlsruhe macht niemand einen gehetzten Eindruck. Die meisten Radfahrer sind eher gemütlich unterwegs. Ihre Sitzposition ist tendenziell aufrecht, die Sättel dementsprechend breiter als üblich. Der Lingener fährt „oben ohne“, sprich ohne Helm. Helme tragen hier nur Touristen oder Schulkinder.

Womit punktet die Stadt noch? Mit einer Vielzahl von bedachten und unbedachten Fahrradabstellplätzen.

Am Bahnhof gibt es zusätzlich noch eine große doppelstöckige Fahrradgarage. In Lingen muss niemand sein Rad an einen Laternenpfahl anschließen, hier gibt es Fahrradbügel in Hülle und Fülle.

 

Wer jetzt meint, dass Autofahrer angesichts dieser vielen Radfahrer und Fußgänger ein Schattendasein führen würden, der irrt. Es gibt ausreichend Parkplätze rund um den inneren autofreien Zirkel herum. Das Parken ist gebührenpflichtig, aber die Preise fand ich okay.

Lingen würde ich spontan als Fahrradstadt bezeichnen. Um so erstaunlicher fand ich, dass die meisten Radwege extrem schmal und in der Regel nur farblich vom Gehweg getrennt sind. Statt auf der Straße zu fahren, wird lieber der Gehweg benutzt. Das interpretiere ich eher negativ. Denn wer lieber verbotswidrig mit dem Rad auf dem Gehweg unterwegs ist statt legal auf der Straße, der fühlt sich auf letzterer nicht sicher. Das spricht wieder gegen Lingen als Fahrradstadt.

Ungeschickt fand ich auch, dass die Gehwege entlang der Radwege eine andere Farbe (grau) haben als die reinen Gehwege (rot). Da sollte man bei einer Farbe bleiben, sonst führt das nur zu Verwirrungen. Was mir noch auffiel – Geisterfahrer. Niemand – weder Autofahrer, Fußgänger noch Radfahrer – schien sich daran zu stören, dass die Rad-/Gehwege auch in entgegengesetzter Richtung benutzt werden, sei es um ein Stück abzukürzen oder nicht auf der Straße fahren zu müssen. Kein Hupen, keine Hektik, keine spürbare Aggression. Alle Verkehrsteilnehmer machten einen tiefenentspannten Eindruck.

Aber wie gesagt, zwei Tage in einer Stadt lassen nur einen subjektiven Eindruck zu. Aber ich denke, dass mich mein Bauchgefühl nicht getrogen hat – Lingen ist eine Fahrradstadt. Sie hat eine gut besuchte Fußgängerzone, viele extrem schöne, neue und alte Wohnviertel und ausreichend Parkmöglichkeiten für Radfahrer und Autofahrer.