Jammern auf hohem Niveau

Jammern wir in Karlsruhe auf hohem Niveau, wenn wir auf schlechte oder fehlende Infrastruktur für Radfahrer, Laub auf Radwegen oder gefährliche Kreuzungen hinweisen?

Jammern auf hohem Niveau?

Dies war u.a. auch Thema auf der jüngsten Critical Mass. Eine Passantin sprach mich auf dem Kronenplatz an und fragte, was denn die vielen Radfahrer dort machen würden. Ich erklärte ihr kurz die Ziele der Critical Mass Bewegung, worauf sie entgegnete, dass wir in Karlsruhe da wohl eher auf hohem Niveau jammern würden. Als Fußgängerin fühle sie sich eher von Radfahrern gefährdet und bedrängt. Viele Karlsruher Radfahrer meinten, sie stünden über dem Gesetz, nur weil sie auf zwei statt auf vier Rädern unterwegs sind.

Verglichen mit anderen Städten Deutschlands mag es sicherlich stimmen, dass wir auf hohem Niveau jammern, aber wenn man wie Thomas gerade aus den Niederlanden zurückgekommen ist, sieht man die Sache verständlicherweise anders. Denn nur weil wir den Titel „Fahrradhauptstadt Deutschlands“ knapp verfehlt haben, heißt das ja nicht, dass alles bestens wäre. Dazu muss man sich nur mal die Noten anschauen, die im Fahrradklimatest verteilt wurden.

Was das rücksichtslose Verhalten mancher Radfahrer anbetrifft, muss ich ihr leider zustimmen. Daran muss sich in der Tat etwas ändern. Die Polizei könnte z.B. mit einer Fahrradstaffel Präsenz zeigen, verstärkt kontrollieren, informieren und Verstöße ahnden. Auch an den Schulen könnte man den Themen Verkehrserziehung und Verhalten im Straßenverkehr mehr Raum geben, denn was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr.

Auch die Stadtväter wissen, dass in Karlsruhe noch viel zu tun ist.

Wir dürfen nicht stehen bleiben

zitiert Kirsten Etzold in den Badischen Neuesten Nachrichten jüngst Bürgermeister Jürgen Obert. In ihrem am 28. Oktober erschienenen Artikel „Die Fahrradstadt als Musterkind“ listet Fau Etzold auf, was die Stadt in puncto Radverkehrsförderung plant. Es ist von neuen Fahrradabstellplätzen und -anlagen, Lückenschließungen im Radwegenetz, neuen Fahrradstraßen, Radrouten, Radstreifen sowie Fuß- und Radwegsverbreiterungen die Rede. Wann genau diese Pläne in die Tat umgesetzt werden, findet sich im Artikel leider nicht.
Der Vertrag mit dem Leihradanbieter nextbike läuft bald aus und die Leistungen werden neu ausgeschrieben. „Unqualifizierte“ Anbieter oder solche, die Bewegungsdaten abgreifen und weitergeben, werden den Zuschlag laut Obert nicht erhalten.

Karlsruhe hat also noch viel vor, hoffentlich ist auch viel dahinter. Nehmen wir die Fahrradstraßen, die es in Karlsruhe bereits gibt. Bis auf eine einzige Ausnahme sind alle für den KFZ-Verkehr freigegeben. Wenn die Schilder und Piktogramme nicht wären, würde man gar nicht auf die Idee kommen, dass in diesen Fahrradstraßen eigentlich Radfahrer „die Platzhirsche“ sind. Links und rechts parken Autos und kaum jemand hält sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung. Im Grunde sind unsere „Fahrradstraßen“ keine Fahrradstraßen, sondern 30-er Zonen. Hier könnte man mal Nägel mit Köpfen machen, indem man nur Anwohnern die Zufahrt mit dem PKW erlaubt, alle anderen PKW-Fahrer müssen draußen bleiben. Aber so ein weitreichender Schritt erfordert Mut und lässt sich wahrscheinlich nicht von jetzt auf nachher realisieren. Aber ich bin zuversichtlich, dass ich ihn noch erleben werde. Wohingegen mein Traum – die autofreie City zwischen Adenauerring, Kapellenstraße, Kriegsstraße und Reinhold-Frank-Straße – wohl ein Traum bleiben wird.