Halbwissen auf Rädern

Seit dem 19. Januar 2013 hat der Führerschein nur noch eine Lebensdauer von 15 Jahren. Danach muss es umgetauscht werden, damit das Dokument und das Lichtbild immer auf einem halbwegs aktuellen Stand sind. Ob der Führerscheinbesitzer, dem dieses Dokument gehört, auch auf dem aktuellsten Stand ist, was seine Kenntnis der Straßenverkehrsordnung anbetrifft, interessiert komischerweise niemanden. 

Nehmen wir mich als Beispiel. Ich habe im letzten Jahrhundert meinen Führerschein gemacht. Viele Regeln haben sich seit meiner Führerscheinprüfung geändert und neue sind hinzugekommen. Als ich Prüfung abgelegt habe, gab es noch eine generelle Radwegebenutzungspflicht, Fahrradstraßen waren unbekannt und keine einzige Einbahnstraße durfte von Radfahrenden entgegen der Fahrtrichtung benutzt werden. Wenn ich jetzt eine Führerscheinprüfung ablegen müsste, würde ich mit Sicherheit durchfallen. Und so wie mir erginge es wahrscheinlich der Mehrheit der Bevölkerung nicht nur in meinem Alter. Auf deutschen Straßen tummelt sich meines Erachtens unheimlich viel Halbwissen auf zwei, drei oder vier Rädern. Wer gegen Regeln verstößt (z.B. bei Rot über die Kreuzung, zu schnelles Fahren, Parken im absoluten Halteverbot, etc.), kommt in Deutschland noch dazu mit einer relativ milden Strafe davon. Verstöße gegen die StVO, egal ob sie auf Bequemlichkeit, mangelndem Unrechtsbewusstsein oder Unwissenheit zurückzuführen sind, werden als Kavaliersdelikte abgetan.

Kommen wir zu meinem Halbwissen. Bis vor ein paar Tagen habe ich zum Beispiel gedacht, dass das vollkommen regelkonform sei, wenn mich Autofahrer relativ nah am Schutzstreifen überholen, solange sie nur links von der gestrichelten Linie fahren. Ich wurde da von einem Leser meines Blogs eines Besseren belehrt. Ich hatte das, was ich tagtäglich erlebe und die Tatsache, dass PKWs die gestrichelte Linie „bei Bedarf“ überfahren dürfen dahingegen interpretiert, dass die Abstandsregel von 1,5 m hier nicht gilt.

Die oben abgebildeten Straßen sind relativ schmal. Links und rechts befinden sich Schutzstreifen. Rechts vom Schutzstreifen sind Parkplätze. Der Rest der Straße ist gerade mal so breit, dass der PKW-Verkehr nur in beide Richtungen fließen kann, solange jeder PKW direkt an der gestrichelten Linie fährt. Begegnen sich ein LKW und ein PKW, muss entweder der LKW-Fahrer oder der PKW-Fahrer über den Schutzstreifen ausweichen oder so lange hinter einem Radfahrer warten, bis genug Platz zum Überholen ist. Wenn ich hier mit meinem Halbwissen schon falsch lag, wie falsch müssen dann erst PKW und LKW Fahrer liegen?

Nehmen wir ein anderes Beispiel. Wenn ich morgens mit dem Rad auf der Straße den Berg runter nach Karlsruhe fahre, werde ich – Gott sei Dank selten – aber immer mal wieder von überholenden PKW Fahrern angehupt, die dann beim Überholen auf den links verlaufenden Gehweg deuten. Sie meinen, dass ich als Radfahrer dort hingehöre und nicht auf die Straße. Wahrscheinlich haben auch sie im letzten Jahrhundert ihren Führerschein gemacht, als es noch eine generelle Radwegebenutzungpflicht gab. Doch die wurde 1997 abgeschafft und würde hier sowieso nicht gelten, weil es sich bei diesem Weg entlang der Straße um einen Gehweg handelt, der nur bergauf für Radfahrer freigegeben ist.

Auch Fahrradstraßen gab es noch nicht, als ich meinen Führerschein gemacht habe. Sie sind eigentlich dem Radverkehr vorbehalten. Wenn für den KFZ-Verkehr freigegeben – was leider meist der Fall ist – muss sich der motorisierte Verkehr den Radfahrern anpassen und nicht umgekehrt. Radfahrer dürfen hier zu zweit nebeneinander fahren, was viele Autofahrer nicht wissen. Eigentlich ist dann nicht genug Platz zum Überholen, überholt wird aber trotzdem und das meist mit überhöhter Geschwindigkeit. Wieso es in Fahrradstraßen kein generelles Überholverbot für den Kfz-Verkehr gibt, um solche gefährlichen Situationen zu vermeiden, ist mir schleierhaft. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Kommen wir zu den S-Pedelecs. Sie sehen zwar aus wie Fahrräder, sind aber Kleinkrafträder, die bis maximal 45 km/h beim Pedalieren unterstützen. Für sie gilt Kennzeichen-, Helm- und Straßenpflicht. Das heißt im Umkehrschluss, S-Pedelecs haben auf Radwegen nichts zu suchen. Trotzdem kann ich den Mann auf seinem S-Pedelec verstehen, der mich abends auf dem Radweg nach Hohenwettersbach immer überholt. Wenn er auf der Straße fahren würde, was er ja eigentlich müsste, dann gäbe es ein Hupkonzert nach dem anderen. Erst einmal sind S-Pedelecs gar nicht so schnell als solche zu erkennen und nur die Wenigsten wissen, welche Regeln im Einzelnen für Pedelecs, E-Bikes und S-Pedelecs gelten. Zumal alle drei Modelle landläufig als „E-Bikes“ bezeichnet werden.

Man könnte die Liste der Beispiele, was sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten verändert hat, wahrscheinlich noch beliebig verlängern. Jeder von uns meint, er sei auf dem neusten Stand was die StVO anbetrifft und weiß es dann bei Licht betrachtet doch nicht so genau. Das wird einem dann entweder bewusst, wenn man wie in meinem Fall direkt darauf hingewiesen wird oder bei einem der vielen Wissenstests, die es online zum Thema Straßenverkehrsordnung gibt, abgewatscht wird.

In jüngster Zeit wurden immer mal wieder Fahrtests für Senioren gefordert. Da frage ich mich in diesem Zusammenhang natürlich wieso nur für Senioren und wieso nur praktische Fahrtests? Eigentlich sollten alle Verkehrsteilnehmer – egal ob jung oder alt, motorisiert, zu Fuß oder auf dem Rad – in regelmäßigen Abständen unter Beweis stellen, dass sie mit der aktuellen StVO vertraut sind. Das umzusetzen wird schwierig bis unmöglich sein. Wir sind also auch weiterhin alle selbst in der Pflicht, uns schlau zu machen. Hilfreich finde ich dabei auch Werbekampagnen wie Tu’s aus Liebe oder Was Autos von Radfahrern halten? Abstand!, um auf Gefahren hinzuweisen und Halbwissen auszumerzen.