Im Juni wurden wir vor dem Start der Critical Mass von Kirsten Etzold, einer Redakteurin der Badischen Neuesten Nachrichten, interviewt. Ganz zum Schluss fragte Frau Etzold in die Runde, was wir uns denn für die Zukunft erhoffen. Daraufhin antwortete Christa Walter:

Mein Traum ist eine Stadt voller Räder.

Ich muss gestehen, dass mir in diesem Moment keine wohligen Schauer über den Rücken liefen, eher so was wie Panik. Nicht weil ich mir nicht auch eine Stadt voller Räder anstelle vieler Autos wünschen würde, aber angesichts der noch fehlenden Infrastruktur macht mir die Vorstellung vieler Räder auf engstem Raum um mich herum eher Angst als angenehme Vorfreude.

Freitag war wieder Critical Mass. Knapp 100 Radfahrer fuhren in einem langgestreckten Verband gemütlich eine Stunde durch die Stadt Karlsruhe. Bei Versammlungen wie der Critical Mass bekommt man eine ganz gute Vorstellung davon, wie viel Raum eine Hundertschaft Radfahrer benötigt, um sicher von A nach B zu kommen. Da reicht ein 2 Meter breiter Radstreifen nicht, geschweige denn ein schmaler Schutzstreifen. Viele Radfahrer benötigen auch viel Raum. Wenn Hundert Radfahrer schon viel Raum einnehmen, wie viel Raum muss dann erst für eine Stadt voller Räder vorgesehen werden?

In Karlsruhe sind wir derzeit bei einem Radverkehrsanteil von 25 %. Laut 20-Punkte Programm der Stadt soll dieser Anteil bis 2020 auf 30 % erhöht werden:

Radverkehrsanteil der Stadt Karlsruhe bis 2020

Radverkehrsanteil der Stadt Karlsruhe bis 2020

Dieses Ziel ist manchen Bürgern zwar nicht ambitioniert genug, ich glaube es ist realistisch und wird wahrscheinlich sogar übertroffen. Denn der Trend hin zum Rad mit oder ohne Rückenwind ist in Karlsruhe deutlich spürbar. Fragt sich nur, ob auch der Ausbau der Infrastruktur in gleichem Maße Schritt halten kann, zumal die Kassen der Stadt derzeit nicht gerade prall gefüllt sind, im Gegenteil, Sparen ist angesagt. Der Rotstrich wurde vor kurzem insbesondere beim Öffentichen Nahverkehr, dem Kultursektor und den Paritätischen Wohfahrtsverbänden angesetzt. Da ist zu vermuten, dass die im 20-Punkte-Plan unter Absatz 3.2 festgeschriebene Anpassung des Radverkehrsnetzes zumindest teilweise auf der Strecke bleiben wird.

Auch durch die verstärkte Pedelect-Nutzung entsteht ein zunehmender Bedarf an Radwegen und Radfahrstreifen in den Höhenstadtteilen, die bisher durch die Topografie eine eher geringe Fahrradnutzung erfahren haben. Hier ist das bisherige Angebot an Radverkehrsanlagen deutlich auszubauen. (…)
Das geplante Radverkehrsnetz aus dem Jahr 2005 soll in Hinblick auf die Höhenstadtteile und Radschnellstrecken aktualisiert werden. Auch kleinere Anpassungen im Haupt- und Nebennetz werden vorgenommen.
Als Bewohnerin eines Höhenstadtteils habe ich natürlich diesen Abschnitt des 20-Punkte-Plans mit Freude zur Kenntnis genommen.
  • Gute Nachricht:
    Trotz der Sparmaßnahmen hat die Verbreiterung des Rad-/Gehwegs (von derzeit ca. 3 auf 4,5 m) vom Zündhütle nach Hohenwettersbach begonnen und soll bis Ende des Jahres abgeschlossen sein.
  • Schlechte Nachricht:
    Die Verbreiterung des nicht mal 2 Meter breiten Fußwegs von Wolfartsweier nach Grünwettersbach, auf dem wir Radfahrer Richtung Grünwettersbach geduldet sind, ist aus Kostengründen erst einmal auf Eis gelegt worden.

Eine Stadt voller Räder! Das würden sich viele von uns wünschen, solange das Radwegenetz auch dementsprechend ausgebaut ist. Wie so ein Radwegenetz aussehen könnte, davon hat mir mein Mann schon Ende der 80er Jahre aus Peking berichtet. Zu der Zeit gab es in der Millionenstadt so gut wie keine Privat-PKWs. Die Leute fuhren zu Tausenden mit dem Fahrrad auf mehrspurigen Straßen zur Arbeit oder zur nächstgelegenen U-Bahnstation.

Fahrradabstellplatz - Peking U-Bahn 1989

Fahrradabstellplatz – Peking U-Bahn 1989

Auf den Straßen, auf denen heute Autos im Stau stehen, fuhren früher fast nur Fahrräder. Ein Stadt voller Räder braucht eben auch eine Stadt mit vielen, breiten Radwegen oder Radschnellstraßen. Ob dieser Traum auch für uns wahr werden wird?