Seit gut eineinhalb Jahren rollt die Neuauflage der Critical Mass jetzt wieder durch Karlsruhe und es gibt immer noch Leute, die mich fragend anschauen, wenn ich am letzten Freitag des Monats sage

Heute ist Critical Mass, fährst du mit?

Ich könnte ja noch verstehen, wenn jemand, der nie mit dem Rad unterwegs ist, nicht weiß was eine Critical Mass ist, aber dass man in den meisten Fahrradgeschäften der Stadt, in denen ich Flyer zur CM verteilt habe, den Begriff Critcal Mass zuvor noch nie gehört hatte, hat mich wirklich geschockt. Da machen wir Werbung ohne Ende und selbst die BNN schreibt regelmäßig über uns im Speziellen und die Sache im Allgemeinen und die, die im direkten Kontakt zur Rad fahrenden Bevölkerung stehen – die Fahrradverkäufer – haben keine Ahnung worum es geht. Machen wir etwas falsch, müssen wir noch mehr die Werbetrommel rühren oder – was viel schlimmer wäre – geht es dem Fahrradhandel im Grunde nur ums Geschäft, aber nicht um die Sache  selbst?

Was versteht man unter Critical Mass? Laut Wikipedia versteht man darunter

(…) eine weltweite Bewegung in Form der direkten Aktion, bei der sich mehrere nicht motorisierte Verkehrsteilnehmer (hauptsächlich Radfahrer) scheinbar zufällig und unorganisiert treffen, um mit gemeinsamen und unhierarchischen Fahrten durch Innenstädte, ihrer bloßen Menge und dem konzentrierten Auftreten von Fahrrädern auf den Radverkehr als Form des Individualverkehrs aufmerksam zu machen und (…) mit dem Druck der Straße mehr Rechte für Radfahrer und vor allem eine bessere Infrastruktur und mehr Platz einzufordern.

Wikipedia spricht von „mehreren nicht motorisierten Verkehrsteilnehmern“. Die Critical Mass nutzt hier den § 27 StVO, der besagt, dass – wenn mindestens 16 Radfahrer zusammenkommen – diese einen geschlossenen Verband bilden, vorausgesetzt sie sind als solcher für andere Verkehrsteilnehmer deutlich zu erkennen. Für sie gelten dann sinngemäß die Verkehrsregeln eines einzelnen Fahrzeugs. Wenn die Spitze dieses „Fahrzeugs“ bei Grün über die Kreuzung fährt und die Ampel auf Rot springt, dann darf der Rest dieses „Fahrzeugs“ auch bei Rot die Kreuzung queren. Weiterhin darf der Verband auf der Straße fahren, denn eine Radwegebenutzungspflicht hat er nicht. Auch das Fahren zu zweit nebeneinander ist erlaubt.
Wenn so eine „kritische Masse“ per Rad unterwegs ist, kann sie also den motorisierten Verkehr ganz schön ausbremsen, was viele PKW- und LKW-Fahrer gar nicht so toll finden, um es mal milde auszudrücken.

Critical Mass: Start am Kronenplatz

Critical Mass: Start am Kronenplatz

Wer nimmt an so einer Critical Mass teil?

Bei einer Critical Mass nimmt im Grunde ein Querschnitt der Bevölkerung teil: Junge und Alte, Linke und Konservative, Männer, Frauen und Kinder, Schüler, Studenten, Arbeitslose, Arbeiter, Angestellte und Selbständige. Uns eint, dass wir gerne Rad fahren und möchten, als Radfahrer für voll genommen zu werden. Genauso unterschiedlich wie die Teilnehmer selbst sind unsere fahrbaren Untersätze. Wenn ihr schon immer mal auf engstem Raum sehen wolltet, was der Fahrradmarkt derzeit so bietet, auf einer Critical Mass findet ihr sie alle: Trekking- und Reiseräder, Citybikes, Fullys, Hardtails, Singlespeeds, Fixies, Falträder, Lastenräder, Pedelecs, E-Bikes und noch viel mehr.

Über das Wie und den Ablauf einer Critical Mass sind wir allerdings durchaus konträrer Auffassung. Dass andere Städte mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben, konnte man vor gut zwei Wochen dem offenen Brief von Malte Huebner auf criticalmass.in entnehmen, wobei es natürlich von mir vermessen wäre, Karlsruhe mit gerade mal 100 Teilnehmern mit der Hamburger CM vergleichen zu wollen.

Derzeit wird die Critical Mass in Karlsruhe als Versammlung beim Ordnungsamt angemeldet und wir fahren mit Polizeibegleitung. Dies gefällt einem Teil der Teilnehmer überhaupt nicht, denn es nehme der Sache die Authenzität. Andere wiederum fühlen sich erst durch die Begleitung der Polizeit sicherer. Es gibt Teilnehmer, die meinen ohne Licht zu fahren sei cool und das Telefonieren oder gar Tippen einer Kurznachricht während der Fahrt gehöre zum guten Ton. Die Mehrheit denkt das Gott sei Dank nicht. Bisher hat die Polizei diese Verstöße gegen die StVZO nicht geahndet. Sie hat lediglich ermahnt. Bei der nächsten CM will sie hart durchgreifen. Wer ohne vorschritsmäßiger Beleuchtung kommt oder beim Telefonieren ertappt wird, muss dann mit einem Bußgeld rechnen.

Es wird dann wenig hilfreich sein, die Polizisten ihrerseits darauf hinzuweisen, dass das Befahren des Gehwegs mit dem Motorrad auch nicht gerade der Straßenverkehrsordnung entspricht. Diese Unsitte müssen wir auf anderem Wege verhindern. Mit Konfrontation schaffen wir das meiner Meinung nach nicht. Nur im Dialog mit der Polizei und dem Ordnungsamt haben wir eine Chance, den Ablauf der CM so zu gestalten, dass wir unsere Botschaft rüberbringen, auf uns aufmerksam machen, so wenig Authenzität wie möglich flöten geht und alle Teilnehmer sicher durch die Straßen der Stadt gelotst werden.